Mein persönlicher Jakobsweg … der sechste Tag

Es gibt … ein klassisches Kierpingerfrühstück.

Sepp tunkt sich sein Graubrot in den Häferlkaffee. So wie seine Mutter es tut und wie es schon seine Oma tat. Ein angenehmer Tagesanfang.

Trotz der Gastfreundschaft und dem gemütlichen Bett im exotisch eingerichteten Zimmer (Franz hat eine sehr sympathische Partnerin aus der Domenikanischen Republik, deren Handschrift man an vielen Kleinigkeiten im urbäuerlichen Fundament spürt) war meine Nacht nur kurz. Ihrer Tochter geht es sehr schlecht, sie liegt im Spital und die dadurch präsente Sorge will auch im Gespräch gewürdigt werden.

Von Meilersdorf ist es nicht weit nach Wolfsbach. Früher sind wir – die Kierpinger-Buam und ich – die Strecke öfter zu Fuß gegangen. Obwohl es nicht weit ist und obwohl es Wolfsbach heißt, liegt der Ort auf einer Anhöhe mit einer kräftigen Steigung.

Die Kirche von Wolfsbach hat ein bisserl einen lustigen Erinnerungscharakter. Wenn wir früher gemeinsam aus Wien kommend nach Wolfsbach fuhren, gab es im Auto immer den „Wettstreit“ zwischen meinem Bruder und mir, wer die Kirche als erster sieht.

Hier hat meine Oma mitten im Dorfzentrum, neben der Kirche, ihr Haus und ihr Geschäft gehabt. Mein Papa hat hier gelebt, bis er während des Krieges ins Internat nach Waydhofen an der Ybbs kam. Dort hat er die Matura gemacht und ging dann nach Wien studieren.

Vom Grab meiner Oma aus sieht man auf das Haus, das meine Eltern schon vor längerer Zeit verkauft haben. Jetzt ist ein Friseur, ein paar Mietwohnungen und ein nettes Cafe drin. Nur der Garten, der einst mein Paradies war und in dem ich als Kind meinen ersten Baum gepflanzt habe, ist verschandelt durch die Einfahrt einer Tiefgarage … dort, wo die Heahittn stand … und durch einen zugepflasterten Platz.

Ich wandere durch den Ort, der mich in meiner Kindheit und Jugend mitgeprägt hat. Alte Erlebnisse, alte Geschichten. Meine Geschichten mit diesem Dorf … und die Wandlung der Bedeutung mancher Menschen in diesem Dorf. Die Erlebnisse mit meiner Oma, die einer der liebevollsten Menschen war, die ich kannte. Zu mir. Zu meiner Mutti, als diese als frischgebackene Freundin meines Papas damals ins Haus kam, war sie den Geschichten nach gar nicht so lieb. Und meinen Papa hat sie als Buben überfordert. Überfordert mit Verantwortung, die für einen Buben in diesem Alter zu viel ist.

Mein Papa war ein Mathematikgenie (… er war auch auf anderen Gebieten genial). Als sein Papa starb (da war er 10 Jahre alt), musste er die Buchhaltung für das Geschäft übernehmen.

Ob Großeltern an ihren Enkeln das gutmachen, was sie an ihren Kindern zu wenig ausleben konnten? Ob sie die Gelegenheit nutzen, das, was sie auch aus eigenen Fehlern dazugelernt haben, die Weisheit, die in ihrer Lebenserfahrung liegt, auf gute Weise in die Beziehung zu ihren Enkeln einzubringen?

Meine Oma hat es getan. Meine Eltern auch.

Alte Geschichten – aus der Familienreise, die ich mit Papa machte; aus dem Interview über das Leben meiner Mutti, die ein Flüchtlingskind war … alte Geschichten, die frische Gedanken des Verstehens und des Einfühlens ermöglichen.

Wer seine Vorfahren nicht begreift, begreift seine Wurzeln nicht und damit auch zu einem guten Teil sich selber nicht. Wer mit den Schwächen und Fehlern seiner Eltern nicht Frieden geschlossen hat, der wird es schwer haben, sich selbst rückhaltlos zu lieben und auch sich selbst für eigenes Versagen zu vergeben.

Die Steigungen im jetzt folgenden Hügelland machen … den Anhänger im Buckel … die Muskeln mürbe … und die Gedanken freier. Es gibt Menschen – und es gibt Leute … hat meine Mutti immer wieder gesagt. Das Licht dieser Aussage wird mich in einigen Phasen der kommenden Wegabschnitte begleiten. Sie hat etwas Wahres … und es fehlt ihr Wesentliches.

Der Donauradweg führt mich nach Linz. Sich Linz auf diese Weise zu nähern offenbart, dass selbst eine hässliche Industriestadt schöne Facetten offenbaren kann.

Weiter am Traunradweg – abwechslungsreich und landschaftlich ein herrliches Stückchen Österreich. Leider beginnt es am Ende wieder zu regnen. Der Regen wird heftiger. Auf dem Weg trifft man nurmehr Menschen mit Hunden. Bei Wels wird der Regen heftiger. Einer dieser Hundemenschen empfiehlt mir, in Thalheim – gegenüber von Wels – zu übernachten. Nach einer kräftigen Steigung, knapp vor der Ortsausfahrt, finde ich den Gasthof Rathner.

Der Besitzer wirkt auf mich verschlagen und auf unsympathische Art schleimigfreundlich. Ob seine Lieblingstiere Nacktschnecken sind? Das Abendessen ist zum Glück schneckenfrei – eine schöne große Portion und es schmeckt überraschend gut.

Wenn man auf so einer Reise allein unterwegs ist, nimmt man auch die Menschen an den Nachbartischen wahr. Es ist spannend, wie sinnlos man eine Kommunikation führen kann und wie man sich selbst zum Narren machen kann, ohne dass es irgendjemand bemerkt. Würfel und eine Sauferei bringen diesen Menschen die nötige Ablenkung und die gehörige Portion Benebelung, die erforderlich ist, um eine derart intelligenzbefreite Zone durchzudrücken.

Ich entscheide mich lieber dafür, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen und bin der Überzeugung, dass viele Menschen, die sich derart stumpfsinnig durch ihr Leben narkotisieren, in Wirklichkeit sehr viel Potenzial hätten, das sie aber aus irgendwelchen Gründen lieber zuschaufeln, anstatt es zu entwickeln. Und irgendwann spüren sie sich dann selbst nicht mehr. Schade drum.

Das Zimmer dagegen ist überraschend mies. Schon der Weg dahin. Und der Preis dafür unverschämt hoch. Und das Frühstück nicht inkludiert. Es gibt Herbergen, wo du dich schon beim Reinkommen wohl fühlst, und es gibt abzockerische Absteigen. Ich freue mich schon darauf, morgen weiterzuziehen.

In der Nacht wird der Regen stärker. Nimmt den Charaker eines Gewitters an, ohne – so wie es ein Gewitter, das sich benehmen kann, es tut – nach spätestens 30 Minuten aufzuhören oder weiterzuziehen.

Es regnet Schuastabuam. Und das die ganze Nacht.

 

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 96 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 250 m

Verlauf der Route:
Meilersdorf – Wolfsbach – St. Pantaleon – Linz – Hörsching – Wels – Thalheim

Übernachtung:
Gasthof Rathner in Thalheim

 

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