Mein persönlicher Jakobsweg … der fünfte Tag

Ich wache im schönen Zimmer der Enkel auf. Und bin in der Privatwohnung völlig alleine. Vertrauen pur.

Nachdem ich weiß, dass der Heurige nebenan auch Gästezimmer mit Frühstückspension hat, beschließe ich, dort zu Frühstücken. Gestern Abend habe ich dort im Gastgarten noch ein gutes Abendessen genossen. Heute früh ist der Tisch im Garten für mich schon gedeckt. Meine Gastgeber sind dabei, das Frühstück herzurichten. Frischgepresster Orangensaft, selbstgebackener Kuchen, herrlich duftendes Gebäck, Wurst, Käse, selbergemachte Marmelade … und das Ganze ausgesprochen liebenswürdig dargeboten.

Ein ausgezeichnetes Frühstück in angenehm chilliger Atmosphäre. Dieser Heurige ist eine Entdeckung … und er sieht mich sicher wieder.

Auch mein Weg beginnt chillig. Gestern Abend hat es ein bisschen aufgerissen und heute ist ideales Radfahrwetter. Und auch der Weg, der sich irgendwann der Donau zuwendet, ist landschaftlich ansprechend und birgt zunächst auch keine großen Herausforderungen, was die Bewältigung von Steigungen betrifft.

Aber bevor die Strecke sich ein Stück entlang der Donau schmiegt, geht es noch ein bisschen ins Hinterland. Klassische Jakobswegpilger hätten mich für verrückt erklärt (und vielleicht hätten sie damit sogar ein bisschen recht), denn wer nimmt schon den Umweg durch Hügelland, wenn er entlang der Donau eben dahinwandern kann. Aber ich habe andere Ziele.

Auf dem Weg fällt mir immer mehr auf, wie gut viele Menschen funktionieren, anstatt zu leben. Sie erfüllen die Erwartungen anderer, erlegen sich selbst fragwürdige – oft unrealistische – Erwartungshaltungen auf und lassen sich von diesen durchs Leben treiben. Angetrieben, statt zu erleben, sich in eine Scheinwelt katapultierend, in der es wichtiger ist, sich mit dem Nachbarn zu vergleichen, anstatt auf sich selbst zu achten … und auf die Menschen, die einem wichtig sind.

Vorbei am Stift Göttweig. Und hier kommt einfach … die schöne Erinnerung genießen und Gedanken an einen besonderen Menschen, mit dem ich hier, auf der Stiftsterrasse, eine wunderbare Zeit verbrachte.

Meine Gedanken auf der weiteren Wegstrecke sind eng mit diesem Menschen verbunden. Mein Weg führt an vielen Plätzen des gemeinsamen Erlebens vorbei, wie Kilb und Melk.

Aber vorher führt mich mein Rad noch nach Krems. Hier werden Erinnerungen an eine gemeinsame Radtour mit meinen Kindern, meiner Exfrau und meiner besten Freundin aus Vorarlberg wach.

Dann … der Campingplatz an dem meine Eltern immer campierten, wenn sie die Eltern meiner Kindergartenfreundin in der Wachau besuchten, um gemeinsame Wanderungen zu unternehmen.

Die auf den Seekopf ist legendär. Meine Mutter war ja damals so gut wie auf keinen Berg zu bewegen, außer mit einem Lift. Doch auf den Seekopf ging sie damals mit … und hat es geschafft. Am Gipfel packte Reinhard, der Vater meiner Kindergartenfreundin, eine Flasche Sekt aus und Sektflöten, um dieses außergewöhnliche Ereignis zu feiern. Und seither heißt der Seekopf Sektkopf.

Kienstock. Der Ort, wo ich Tischtennis spielen lernte. Auf einer Pressspanplatte, zugeschnitten von Reinhard. Aus dieser ursprüngliche Kindergartenfreundschaft zwischen Andrea und mir hat sich eine enge Freundschaft zwischen ihren Eltern und meinen Eltern entwickelt. Eine Verbindung der Familien, die bis heute, auch nach dem Tod meiner Eltern, noch anhält.

Reinhard brachte mir auch das Klettern bei. Die Sicherungstechnik. Mein Papa, die Eltern von Andrea und ich waren viel gemeinsam hochalpin unterwegs, aber auch die Kletterfelsen aus Urgestein rund um Kienstock, die keiner kennt und die von Reinhard erschlossen worden waren, haben ihre herausfordernden Reize.

Ich schaue ins Haus, aber es ist niemand da. Auch Hermann nicht, der Onkel meiner Kindergartenfreundin, der dort lebt. Der alte Winzerhof hat seit dem Tod seiner Mutter seinen charmvollen Glanz komplett verloren. Er ist ungepflegt, nur in der angrenzenden „Ausnahm“, die den Eltern meiner Kindergartenfreundin als Wochenendrefugium dient, sieht man die pflegenden, bewahrenden und kreativen Kräfte von Grete und Reinhard.

Aber im Licht meiner Kindheitserlebnisse strahlt der Hof wie neu. Wie oft sind wir hier über die Donau geschwommen, um uns an der Tankstelle ein Brickerl oder ein geteiltes Twinni für den Rückweg zu kaufen, saßen am Donauufer und freuten uns an den Wellen der vorbeiziehenden Schiffe … so wie ich jetzt.

Die nächste Station ist Melk. Auch hier druchdringen mich Erinnerungen an schöne Erlebnisse … bis hin zum lustigen Zahnbürstelkauf während meiner Ausbildung.

Weiter gehtes zu dem Ort, der in meiner Kindheit eine ganz große Rolle spielte. Diesen Ort selbst und das Geburtshaus meines Papas werde ich aber erst morgen besuchen. Heute ist mein Ziel der Ortsteil Meilersdorf, wo ich bei meinen verwandten Bauern, den Kierpingern, übernachte.

Die letzte Wegstrecke Richtung Kierping ist zäh. Hügel rauf, Hügel runter, ein Stück stark befahrene Bundesstraße, auf dem ich seinerzeit noch mit dem alten Puch-Waffenrad meiner Oma unterwegs war. Aber es ist schön, nach Kierping zu fahren. Denn diese Menschen sind Menschen, die ihr Herz am rechten Fleck haben. Einfach, bodenständig, aber vor allem nicht nur in den schönen Phasen des Lebens da, sondern auch dann, wenn es gerade mies läuft.

Als es meine Mutti durch die Belastung des Hausrestaurierens in Wolfsbach nach dem Tod meiner Oma einem Zusammenbruch nahe war, war die alte Kierpingertante da. Sie half mit, wo sie konnte und nahm mich mit auf den Bauernhof – ich war damals klein und abenteuerlustig – und so konnte ich meinen Abenteuerdrang gemeinsam mit den Bauernbuben ausleben und meine Mutti war entlastet. Noch mehr entlastet war sie aber wahrscheinlich durch die warmherzige und verständnisvolle Art der Kierpingertante.

Aber auch als ich – viele Jahre später – durch eine teilweise existenziell bedrohende Lebensphase ging, waren sie da. Mit hilfreichen Angeboten, die ich zwar zum Großteil nicht nutzte, aber auch hier war wieder diese unberechnende Warmherzigkeit zu spüren. Und das Gefühl, willkommen zu sein.

Die Welt wäre reicher, wenn mehr Menschen diese Einstellung hätten.

 

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 117 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 867 m

Verlauf der Route:
Wagram- Paudorf – Göttweig – Krems – Dürnstein – Kienstock – Maria Langegg – Kilb – Melk – Leiben – Ybbs – Zeillern – Meilersdorf

Übernachtung:
Bei den Kierpingern in Meilersdorf

 

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