Mein persönlicher Jakobsweg … der verflixte siebente Tag

Mein Zimmer war nicht nur ungemütlich und nicht besonders sauber, auch die Schuastabuam haben die ganze Nacht an mein Fenster geklopft. Meine Nachtruhe war nicht wirklich erholsam. Und ich will weiter.

Mir kommt eine Geschichte in den Sinn. Ich muss damals etwa 5 Jahre alt gewesen sein. Meine Eltern und ich waren nach einer kleinen Wanderung beim Schuastanazl, einem bekannten Ausflugslokal, essen. Ich war sehr hungrig und durfte selber für mich bestellen. Das Essen kam. Für meine Eltern. Für mich nicht. Naja, manchmal muss man halt ein bisschen warten.

Nach über einer halben Stunde Wartezeit und mehreren Urgenzen seitens meiner Eltern war für mich immer noch nichts da. Darauf verlangte meine Mutti, den Chef zu sprechen. Er erschien … und meinte:
„Der Koch ist mir lieber, als der Gast.“

Darauf sagte mein Papa ganz ruhig:
„Mein Kind ist mir lieber, als der Koch“,
sagte es, stand auf,
und wir verließen das Lokal ohne zu bezahlen.

Interessant, woran man sich erinnern kann – und interessant, wann man sich daran erinnert.

Frühstück. Naja. Ich bezahle. Und es regnet. Schuastabiable. Aber das kann nicht die ganze Zeit so weitergehen. Irgendwann muss das ganze Wasser doch unten sein. Und dieses Irgendwann kann nicht endlos dauern. Und wenn es dann aufhört, trocknet mein Quand eh an mir … da gibt’s dann Sonnenstrahlen, Fahrtwind, Körpertemperatur … und in Nullkommanix ist alles wieder angenehm und getrocknet. Und nachdem ich ein total fauler Michumzieher bin, verzichte ich aufs Regenquand … da werd ich ja dann eh nur von innen nass …

Tja. Meine Prognose war ein typischer Fall von … es kommt erstens anders, und zweitens als man denkt. Meine optimistisch gewählte Kleidung, hält die Schuastabuam nicht davon ab, auf mir rumzutanzen. Und sie haben Verstärkung. Schmiedgselln, Perchten, Schlagzeuger … halt alles was prasseln kann regnet’s heute runter. Dürfte irgendwie ein Firmenausflug sein.

Und es ist kalt. Saukalt. Mir. Mir ist nicht leicht kalt. Sonst. Jetzt fällt es mir ganz leicht. Es geht fast wie von selbst, dass mir kalt ist. Nasskalt.

Und ich weiß es jetzt. Der schleimigfreundliche Gastwirt von letzter Nacht ist der Herr der Nacktschnecken. Sie sind wieder da. Mehr als je zuvor. Und irgendwie motiviert mich das nicht gerade enorm.

Der Weg bis Lambach ist kurz. Heute ist er lang genug, um die obigen Effekte äußerst effizient zu erzielen. Und in Lambach gibt’s ein Kloster. Mit einer echten Pilgerherberge. Für heute hab ich genug und steuere diese an.

Ein imposanter Gebäudekomplex. Ich sehe ein etwas verwittertes Schild auf einer Tür mit dem Hinweis, dass dahinter wohl besagte Herberge verborgen ist. Die Tür ist abgesperrt. Und verschlossen. Gleichzeitig.

Völlig durchnässt stehe ich schließlich in der Klosterverwaltung. Der überaus hilfsbereite und freundliche Benediktinermönch hat das zerbrochene Brillengestell seiner Brille mit Tixobandl zampickt. Pickzamschnürl hab ich als Kind dazu gesagt. Auf Design legt er scheinbar keinen großen Wert. Der Kerl gefällt mir.

Er sperrt mir die Herberge auf und überlässt mir den Schlüssel. Erklärt mir, wo ich als Pilger das Pilgermenü konsumieren kann, wann die Vesper ist und ich bin zu allem herzlich eingeladen. Das Quartier wär sowieso gratis.

Es erinnert mich an die Zeit, wo ich als Student ohne Geld auf meinem Autostop-Trip nach Bayreuth irgendwo zwischen Wien und Bayreuth in der Notschlafstelle der Bahnhofsmission übernachtet hab. Was die Einrichtung betrifft, war auch hier kein Designer am Werk.

Ich entschnecke nordürftig meine Gepäckaußenseite und sortiere mich. Und meine Ausrüstung. Ach ja, und es ist hier trocken und warm. Und die heiße Dusche ist auch ein Genuss.

Und dann tut das Wetter so, als ob es besser werden würde. Und mein Bedürfnis, den ganzen Tag hier zu bleiben, wird irgendwie kleiner. Ich zieh mich unoptimistischer an und frag den Mönch, ob das irgendwie ein Problem wär, wenn ich doch weiterfahre. Es ist keines. Er gibt mir gute Tipps über den besten Weg mit.

Es regnet zwar, aber einerseits bin ich jetzt gscheit angedirndlt, andererseits ist es ein Regen, der sich wie Regen benimmt, und nicht wie ein Betriebsausflug.

Es geht über außerordentlich reizende Fußpfade und Radwege, die dann durch unvermeidbare und teils für einen Radfahrer gefährliche Bundesstraßen abgelöst werden. Immer wieder dieser Wechsel.

An diesem Tag beschäftigt mich mehr das Weiterkommen und die Wegsuche. Es gibt wenig Vergangenes, wenig Zukünftiges und ganz viel Jetzt. Mein Körper hat sich in den letzten Tagen gut adaptiert, trotz etlicher Steigungen gibt es keine Müdigkeit. Die Kraft und die Ausdauer meiner Muskeln wächst. Die Ausdauer des Regens lässt auch nichts zu wünschen übrig.

Zell am Moos liegt am Irrsee. Der Irrsee war einer der drei Seen, die ich vor vielen Jahren mit meinem Sohn Daniel per Schlauchboot durchquert hab. Ein total schönes gemeinsames Erleben mit so manchen unvorhergesehenen Herausforderungen und überwundenen Hindernissen und einem abschließenden Salzburger Nockerl-Essen.

Jetzt könnte mein Magen auch etwas gebrauchen. Im Dorf gibt’s ein paar Wirte, aber nur einer hat offen. Ein 400 Jahre altes traditionelles Wirtshaus mit angeschlossener Fleischerei. Aber kein Zimmer frei. Er schickt mich zu einer Privatvermieterin. Also noch ein Stückerl bergauf, anläuten … niemand öffnet. Dann, als ich gerade wegfahren will, kommt ein Auto. Ein älterer Herr steigt aus. Er ist der Mann der Betreiberin.

Dieses Haus ist:
Hereinkommen und Wohlfühlen!

Der Herr führt mein Fahrrad und den Anhänger unter Dach, legt eine Plane drüber. Ich nehm in der altbackenen Stube platz, seine Frau kommt bald darauf und zeigt mir mein Zimmer. Sehr einfach eingerichtet, etwas altvatrisch, so wie auch sonst das Haus, aber mit einer ausgesprochen angenehmen Wohlfühlatmosphäre, in der ich mich fast nicht als Gast, sondern eher als willkommener Besucher empfinde. Und das liegt zum Großteil an diesen beiden lieben alten Menschen.

Und auch die Art, wie die beiden miteinander umgehen, ist einfach wohltuend liebevoll, wertschätzend, respektvoll. Vierzig Jahre sind die beiden miteinander verheiratet. Und man hat das Gefühl, dass sich die beiden immer noch lieben.

Das Abendessen beim Traditionswirten schmeckt ausnehmend gut. Man merkt, dass hier etwas von der Kunst des Kochens verstanden wird.

Und dann … hat mich doch die Müdigkeit eingeholt … und das Einschlafen ist total angenehm und auch wenn die Schuastabuam inzwischen wieder Party feiern, wird es eine erholsame Nacht.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 108 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 1012 m

Verlauf der Route:
Thalheim – Wels – Lambach – Timelkam – Zell am Moos

Übernachtung:
Privatquartier in Zell am Moos

 

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