Mein persönlicher Jakobsweg … der zwölfte Tag, auch genannt: der längste Tag … oder … der verrückteste Tag

Fast kaum erwähnenswert – und doch auch wieder – ist, dass das Frühstück ausgezeichnet war.

Erwähnenswerter:
Als Kind hatten wir Schwarzweißfernsehen. Und in meiner Fantasie begann ich damals, Farben in das Schwarzweiß zu malen. Ich glaubte anhand der Grauschattierung zu erkennen, ob etwas in Wirklichkeit rot, blau oder grün gewesen sei.

Die Welt ist bunt.
Selten schwarzweiß.
Nichtmal in der Nacht
.

Und heute? Haben wir Farbfernsehen und viele malen sich die Welt schwarzweiß.

Und ich behaupte, dass hier Jede und Jeder seine Schwarzweißmaltendenzen hat. In irgendeinem Bereich. Vielleicht in einem, wo es nächtlich dunkel ist. Ich auch.

Und dabei ist das zu einfach. Das hat schon der g’scheite Einstein Bertl gesagt:
Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.
Oder so.

Kinder können das oft einmal gut.
Erwachsene könnten es öfter besser.
Ich auch.

Landschaftlich ist mein Weg heute traumhaft. Streckenmäßig ist er heute sehr lang.
Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Das werde ich erst so ungefähr am späten Nachmittag wissen. Und da auch nicht wirklich. Wissen werde ich es erst kurz vor Mittenacht. Da, wo vieles schwarzweiß wirkt. Aber heute nicht. Auch das weiß ich noch nicht.

Und in Tirol und in Vorarlberg gibt es Berge. Manche sind steil. Alle haben Steigungen. Auf der einen Seite geht es bergauf. Wenn man mit dem Rad von Tirol nach Vorarlberg will, muss man entweder über den Arlberg, oder über die Silvretta.

Vor vielen Jahren bin ich mit Kathi auf die Silvretta gefahren. Auch mit dem Rad. Von der vorarlberger Seite. Und in Tirol runter. Mit Kathi hab ich öfter etwas unternommen. Alles war schön. Manches sehr schön. Und wieder anderes war überraschend schön. Kathi ist ein Engel. Obwohl sie es in manchem nicht leicht hat.

Vor ein paar Jahren, das war so ein bisschen ein Resultat meiner Krisenzeit, wollte ich eine Liste schreiben. Mit zwei Spalten. Mit der Engel-Spalte und der Arschloch-Spalte. Für jede waren Menschen vorgesehen. Kathi wäre ganz klar in die Engel-Spalte gekommen. Aus vielen Gründen.

Die Welt ist nicht schwarzweiß.
Wir sind in unserem Kulturkreis dressiert auf griechische Logik.

Ja, Nein.
Richtig, Falsch.
Schwarz, Weiß.
Engel, Arschloch.

Ich hab diese Liste nie geschrieben. Ich hab auch die Briefe nie geschrieben, die ich heute, während ich eine lange Steigung bewältige, in meinem Kopf schreibe. Aber auch das kommt ja in Wirklichkeit erst später.

Weil es ist nämlich so:
In Falkenstein steht eine Fichte. Die ich vor vielen Jahren gepflanzt hab. Und die der Schnee fast kaputt gemacht hätte. Und die etwas Gutes draus gemacht hat. Diese Fichte hat nie eine Engel/Arschloch-Liste geschrieben. Sie ist ein Lehrmeister. Deshalb hat auch jede ihrer Nadeln ein bisschen ein anderes Grün.

Die Inder haben eine andere Logik entwickelt, als die Griechen. Ursprünglich mit vier Möglichkeiten, anstatt der zwei griechischen. Später mit fünf. Dadurch wurde aus dem Dilemma ein Tetralemma uns später dann ein Pentalemma. Das kann schon mehr. Aber es ist immer noch zu einfach.

Gut und Böse liegen nicht auf einer bipolaren Achse.
Es sind zwei unterschiedliche Achsen in einem mehrdimensionalen Raum.
Der hat auch noch andere Achsen. Sonst wäre er ja nicht mehrdimensional.

Da ist die Achse, die ausdrückt, wie nahe mir ein Mensch steht.
Die konzentrischen Kreise.

Dann die, wie wichtig etwas ist.

Und die Entwicklungsachse. Was war der Ausgangspunkt dieses Menschen? In welche Richtung entwickelt er seine Persönlichkeit? Welchen Einfluss hat seine persönliche Geschichte?

Dann die Achse der Verantwortung.

Und die der Absicht, die hinter einer Handlung steht.

Nicht zu vergessen … die Achse der Situation und der Gelegenheit. Die ist ein bisschen verworren.

Dann auch die Achse der Möglichkeiten. Des Potenzials.

Und die der Liebe.

Das sind jetzt acht. Vielleicht deshalb, weil damit achtsam umgegangen werden sollte. Und über jede dieser Achtsamskeit-Achsen könnte man ein Buch schreiben. Aber die sind jetzt in meinem Kopf. In einer herrlichen Landschaft mit Steigung. Legt man die 8 um, wird sie unendlich.

In einem achtdimensionalen Raum gibt es keine Engel/Arschloch-Liste. Die wäre zwar einfach. Aber nicht so einfach wie möglich, sondern einfacher. Unzulässig einfach.

Aber es gibt etwas anderes.
Bunte vektorielle Orbitale. Die sich gegenseitig durchdringen.

Und mit jedem ist anders umzugehen.

Da ist das Orbital von Menschen, die ich verletzt habe. Und mit denen umzugehen bedeutet einfach, sich zu entschuldigen. Gut zu machen, was gut zu machen ist. Als Angebot. Das Angebot zu machen liegt in meiner Verantwortung. Es anzunehmen liegt in der Verantwortung des Gegenübers.

Die Bewegung dazu geht so: Ich gehe auf diese Menschen zu.

Dann ist da das Orbital der Menschen, die mich verletzt haben. Da gibt es einen, der ganz arg verletzt worden ist. Ist schon ein paar Jahre her. Das war Jesus. Und er hat uns vorgezeigt, wie damit umzugehen ist.

Der Schlüssel ist:
Vergeben.

Und das andere wichtige Orbital beherbergt jene, denen ich als ICH wichtig bin.
Mit meinen Ecken und Kanten und Orbitalen. Mit meinen komischen und unkomischen Seiten. Und die das auch zeigen, oder zeigen würden, indem sie da sind oder waren, wenn es gut ist, dass sie da sind. Menschen die auch dann für mich einstehen, wenn es sie etwas kostet. Und die auch den Mut haben, mir zu sagen, wenn sie meinen, dass ich schief liege.

An diese Menschen schreibe ich Briefe. Briefe, in denen ich mich bedanke. Dankbarkeit ist so wertvoll … und wie oft vergessen wir darauf. Und einige von ihnen waren in ihrem „Da Sein“ so wichtig, dass ich heute nicht wäre, wo ich bin, wären sie nicht da gewesen. Jeder auf seine Art.

Perlen, aber ohne Kette.
Perlen sind seltener als Sand.
Aber jede Perle war einmal ein Sandkorn.

Ich möchte sie gerne hier nennen. Weil ich ihnen wirklich sehr dankbar bin.
Unalphabethisch. Sortiert nach gar nichts.

Da ist meine beste Freundin Anita, bei die ich jetzt bald wiedersehen werde. Da ist der Ernst. Der Erwin. Die Birgit. Uli. Kathi. Mein Bruder. Mein Papa. Und meine Mutti, die der einzige Mensch geworden ist, der es geschafft hat, mein Vorbild in ganz wichtigen Lebensbereichen zu werden. Meine Nichten Katrin und Julia. Mein Schwiegersohn Sascha. Und meine Kinder Cornelia und Daniel.

Und hinter jedem Namen liegt eine Geschichte. Oder besser viele Geschichten. Geschichten mit vielen Schichten. Geschichten, die hier und heute nicht erzählt werden wollen.

Eine eigene Geschichte ist auch die Fahrt durch die Tunnel am Arlberg.

Mit dem Rad … ein Horror. Du hörst ein grollendes, sich immer mehr aufbauendes Geräusch. Hast keine Ahnung, kommt es dir entgegen, kommt es von hinten. Hast keine Ahnung … ist es ein Kleinwagen, ist es ein Sattelschlepper? Irgendwie ein sich ausgeliefert fühlen an die Verlässlichkeit und Aufmerksamkeit anderer … mir unbekannter Menschen. Ein ziemlich ungutes Gefühl.

Aber der Arlberg belohnt mich mit seinen herrlichen Ausblicken.

Der Arlberg liegt jetzt auch schon fast hinter mir. Da gibt es mitten im Sommer Schnee. Aber durch die Steigung ist mir nicht wirklich kalt. Doch mein Hunger treibt mich zu einer Tankstelle auf dem Weg. Kurz vor dem höchsten Punkt meiner Tour.

Und diese Tankstelle verbirgt ein wirklich nettes kleines Buffet mit so guten selbstgemachten Mehlspeisen, die sogar alle Allergene enthalten und daher von mir selbstverständlich verkostet werden müssen. Und der warme Kaffee macht auch das Seine, dass ich mich fit fühle zum Weiterfahren.

Aber irgendwie dürfte der Kaffee auch ein bisschen einen Verrücktheitsfaktor eingebaut haben:

In Sankt Christoph wollte ich eigentlich übernachten. Das war der Plan. Der betörende Kaffee wirft den Plan über einen Haufen. Jetzt bin ich ja eh schon so gut wie am höchsten Punkt. Jetzt geht’s eh nurmehr bergab. Ich beschließe, noch heute bis Lauterach weiterzufahren. Gut dass Anita so unkompliziert ist.

Eine herrliche Abfahrt. Das Erleben der Geschwindigkeit. Hautnah. Die Fliehkraft in den Kurven spüren. Und obwohl die Abfahrt ganz schön lange ist, ist am unteren Ende noch nicht Lauterach. Bis dahin geht es noch ein – von mir g’hörig (wie der Vorarlberger manchmal zu sagen pflegt) unterschätztes Wegstück.

Und so komme ich erst kurz vor Mitternacht an. Anita werde ich erst morgen sehen.

Und die Briefe … die sind ungeschrieben in meinem Kopf.
Und wandern in mein Herz.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 165 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 1.528 m

Verlauf der Route:
Imst – Zams – Flirsch – St. Christoph – Bludenz – Feldkirch – Hohenems – Lauterach

Übernachtung:
bei Anita

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2 Gedanken zu “Mein persönlicher Jakobsweg … der zwölfte Tag, auch genannt: der längste Tag … oder … der verrückteste Tag

  1. Respekt….ich wollte vor drei Wochen den Küstenweg von Irun aus….ohne Kohle laufen….musste aber nach vier tagen aufgeben…hatte viel zu viel zeug, plus gitarre mit der ich unterwegs Strassenmusik machen wollte, plus zelt, welches undicht war und alles inkl. Schuhe nass war….bin also grandios gescheitert….aber ich komme wieder…..love and peace

    1. Hallo JWOG, na vier Tage sind ja schon ein guter Anfang.

      Ich wünsch dir eine ganz gute Zeit für dein Wiederkommen mit weniger Gepäck und einladenderem Wetter.

      Solche Zeiten, die wir uns für uns selber nehmen, sind sehr wertvoll. In dem Sinn gibt es da auch kein Scheitern, nur ein Reicherwerden an Erfahrung und Erleben.

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