Mein persönlicher Jakobsweg … der neunte Tag

Es ist schön, das wiederum liebevoll hergerichtete Frühstück genießen zu können.

Frisch gestärkt geht es raus in den Regen, der bis Salzburg anhält. Die Gegend zwischen Irrsee und Salzburg ist bezaubernd, die Luft riecht rein und frisch und ich komme gut vorwärts.

Der Teil des Jakobswegs, der mit vielen für mich bedeutsamen Orten garniert war, ist – mit wenigen Ausnahmen – vorüber. Diese drei Ausnahmen sind Eugendorf (vor Salzburg), wo ich vor vielen Jahren meine beste Freundin Anita das erste Mal traf, Anthering (etwas nördlich von Salzburg), wo ich sehr schöne Tage während meiner Ausbildung erlebte, und Lauterach in Vorarlberg, wo ich Anita wiedersehen werde.

Klarerweise haben die hinter mir liegenden Orte meine Gedanken gelenkt, teilweise vielleicht auch gefangen genommen. Die zurückliegenden Gedanken waren gut, wertvoll, aber nicht frei.

Heute sind sie das. Und das eröffnet die Möglichkeit, über die Grenzen der Vergangenheit hinauszudenken. Ideen zuzulassen, die weiterführen können, ohne es zu müssen. Altes integrierend Neues schaffend in selbstverständlichem Fließen … ohne selbstverständlich zu sein.

Zum Beispiel gab oder gibt … die Zeitachse ist hier völlig unwichtig … es in meinem Leben Menschen, die mich verletzt haben. Die mir Böses wollten oder es auch ohne es zu wollen getan haben. Das ist nichts besonderes, das kennt wahrscheinlich Jeder und Jede.

Sind diese Menschen böse? Bin ich auf sie böse? Was macht es aus, ob ich auf sie böse bin oder nicht? Und wenn ich es bin, muss ich es bleiben? Wenn ich es nicht bleibe, wie gehe ich dann in Zukunft mit diesen Menschen um?

Und da gibt es diese Menschen, die mir wohlgesonnen sind. Die mich um meiner selbst willen lieben … unabhängig davon, wie ich drauf bin oder was ich grad zu bieten hab. Menschen, die mir Gutes wollten und wollen und taten und tun und auch in Zukunft tun würden. Sind diese Menschen gut? Geht diese Art von Wohlwollen in beide Richtungen? Ja, sie tut es. Und es ist schön, dass es sie gibt. Ein Riesengrund für Dankbarkeit.

Aber was ist nun mit jenen Menschen, die mir sowohl Gutes als auch Böses widerfahren haben lassen? Sind das nicht die meisten? Wieso sind manche von diesen in meinem Kopf auf der Seite der Guten und manche auf der Seite der Bösen? Wie bewerte ich da innerlich? Ist meine Art, das zu bewerten, fair?

Vielleicht kommt es auf die Reihenfolge an? Erst böse, dann gut … dann sticht das Gute, erst gut, dann böse, dann sticht das Schlechte? Betrachte ich meine Geschichte mit den Menschen, die mein Leben begleiten, vom Ende her? Und wenn, was ist dann das Ende? Immer das Jetzt? Dann könnte sich dieses Ende im nächsten Jetzt ändern und damit auch meine Bewertung? Der Gedanke entpuppt sich als völliger Irrweg.

Und dann gibt es da auch die Menschen, die ich verletzt habe. Aus anderer Perspektive betrachtet, bin ich auch einer jener guten, bösen oder vermischten Menschen. Wie gehe ich mit den Menschen um, die ich verletzt habe? Wie bewerten sie mich? Und auf Grund welcher Basis tun sie das?

Oder ist es so … wenn man ein Glas mit gutem frischem Wasser hat, dann ist das erfrischend, lebensspendend, gut. Ein paar Tropfen Gift hinein … und das ganze Wasser ist zerstörend, tödlich. Ein paar Tropfen Böses machen Gutes zunichte? Wenn das in Beziehungen so wäre, hätten nur Masochisten Freundschaften. Vielleicht braucht’s etwas Aktivkohle? Zum Entgiften?

Wenn menschliches Miteinander Aktivkohle braucht,
was ist dann diese Aktivkohle im Zwischenmenschlichen?

Mein Weg ist total schön. Abwechslungsreich. Und nach Salzburg klart es auf. Und alles zugleich denken, geht auch nicht.

Vielleicht ist es wie auf einer Waage.
Wenn das Böse schwerer wiegt als das Gute, dann … und wenn das Gute schwerer wiegt als das Böse … könnte das sein? Aber wie bestimmt man das Gewicht einer Handlung? Oder das einer Absicht? Was, wenn Absicht, Handlung und Auswirkung in unterschiedliche Richtungen laufen?

Vor langer Zeit gab es ein Weihnachten. Zu Weihnachten – vor allem wenn die Kinder noch kleiner sind, ist es nett, einen Weihnachtsbaum zu haben. Und an diesem Weihnachten kaufte ich einen lebendigen.

Der Baum spendete Freude. Gefangen in seinem Blumentopf. Nach den Weihnachtsfeiertagen schenkte ich ihm die Freiheit. Interessant, dass man etwas schenken kann, was man gar nicht hat. Jedenfalls pflanzte ich ihn in den Garten in Falkenstein, wo er in Gesellschaft mit schon erwachsenen Fichten und anderen Bäumen schön gedieh.

Dann kam der nächste Winter. Unmengen an Schnee. Ja, damals gab es noch echte Jahreszeiten. Es gab so viel Schnee, dass er das Bäumchen zu Boden drückte. Und weil es niemand bemerkte, war er im Frühjahr am Boden zerstört. Die Last des Schnees hatte dem Baum Böses getan.

Die Menschen, die ihn sahen, rieten mir, ihn auszugraben und wegzuschmeißen. Der wird nicht mehr. Und wenn, sieht er nicht schön aus. Ich hob das teils in den Boden versunkene Gezweig auf – so dass es wieder an der Luft war – und ließ dem Baum seine Freiheit und sein Leben.

Freiheit bedeutet Verantwortung. Freiheit bedeutet auch Umgang mit Gefahr. Umgang mit Verletzungen. Intelligente Kreativität. Im Käfig oder im Blumentopf lebt es sich einfacher. Oder sicherer. Scheinbar.

Mein Baum war kreativ. Er entschied sich, aus dem zu Boden gedrückten Stamm einen Ast werden zu lassen, während er ein Zweiglein, das von diesem ursprünglichen Ast kommend Richtung Himmel zeigte, zu seinem neuen Stamm werden ließ.

Heute, viele Jahre später, ist es ein prächtiger, gesunder und starker Baum. Unten an seinem Stamm sieht man eine Wölbung, die auch heute noch seine Geschichte erzählt. Und dieser Baum ist ein Lehrmeister.

Er nahm das Böse, das ihn zu Boden drückte, als Herausforderung, daran zu wachsen. Er machte aus dem Bösen von außen etwas Gutes für Innen. Bauern machen auch so etwas ähnliches. Sie schaffen den Rahmen dafür, um aus Scheiße Dünger zu machen. Und aus dem Dünger wird dann Nahrung. Oder eine schöne Blume.

Wenn ich mir die Geschichte dieses Baumes anschaue, hat die ganz viel zu tun mit anderen Geschichten. Sie hat zu tun mit dem Leben von meiner Mutti. Sie hat zu tun mit dem Leben von meinem Papa. Sie hat zu tun mit meinem Leben.

Und ansonsten bin ich gedankenfrei. Genieße dass es gleich gültig ist, wenn wertvolle Gedanken noch nicht zu Ende gedacht sind oder wenn sie es sind, oder wenn gedankenfrei wirklich einmal ein Frei sein von Gedanken sein darf. Und es ist schön, gelassen zulassen zu können und darauf zu vertrauen, dass das, was davon wichtig ist, sich auf meinem Weg wiederfinden und weiterführen wird.

In Unken ankommend ist es früher Abend. Für mich. Und ich will Schokolade. Viel Schokolade. Ich habe keine. Und die Geschäfte (oder besser gesagt das Geschäft) hat schon geschlossen. Weil es für die Geschäfte (oder besser gesagt das Geschäft) in diesem Ort schon später Abend ist. So ist das mit der Zeit.

Mein Nachtquartier ist eine sehr nette Privatpension. Mit einem richtig schönen Zimmer. Massivholzmöbel. Schöne Aussicht. Der Mann der Betreiberin ist ein begeisterter Tourenradfahrer. Lustig, wie ordentlich hier alles ist. Konsequente Ordnung, sogar das Datum am Schiebekalender stimmt. Ich würde das nicht zusammenbringen. Aber auch hier gibt es keine Schokolade. Und ich will aber Schokolade. Sogar viel davon.

Wie heißt eigentlich die Betreiberin einer Pension? Pensionistin? Die Frau ist vielleicht 35 Jahre alt. Pensionistin passt irgendwie nicht. Jedenfalls beschreibt sie mir den Weg zu einer Tankstelle, die vielleicht Schokolade hat. Ich mache mich zu Fuß auf den Weg. Nach ein paar Minuten hält neben mir ein Auto. Drin sitzt die Pensionistin. Und meint, sie führt mich hin, es sei zu weit für zu Fuß, die Strecke sei nicht wirklich attraktiv für Fußgänger …

Ich finde das total nett. Sie fährt einen Umweg, um mir zu zeigen, wo ich morgen gut weiterfahren kann.

Die Tankstellenschokolade schmeckt aber sowas von soooo guuut. Und die Pensionistin hat mir Gutes getan. Aber das war ja auch diese Sorte Nachtquartier, wo man sich schon beim Reinkommen wohl und willkommen fühlt.

 

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 84 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 500 m

Verlauf der Route:
Zell am Moos – Lengroid – Salzburg – Bad Reichenhall – Unken

Übernachtung:
Privatquartier in Unken

 

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