Mein persönlicher Jakobsweg … der vierte Tag

Fünf Uhr früh.
Tack tack tack tack tack.

Die Highheels der Dame, die im benachbarten Frühstücksraum das Frühstück vorbereitet, klackern bei jedem der eifrigen Schritte so laut, dass eine Elefantenherde dagegen ein Mailüfterl wäre und erinnern mich an das exakt gleiche Gehabe meiner Exfrau, die genauso um diese Tageszeit ohne jede zwingende Notwendigkeit ihr Outfit für den Tag zusammenstellte … jedes Stück im Schlafzimmer einzeln holend. Rücksichtnahme ist für manche Menschen außerhalb ihres Horizonts.

Das Frühstück ist ein lieblos zusammengeschachteltes Standardfrühstück. Das Plastik, das beim Aufreißen von Marmelade oder Nutella oder Keineahnungwielangsowasindemtiegelgrindetleberpastete als Müll produziert wird, könnte einige Autos betreiben oder Medikamente generieren, hätte man es nicht in sinnloses Verpackungsmaterial verwandelt, das hier auf Kosten kommender Generationen verschwendet wird.

Meine Gedanken hängen beim Wegfahren noch in Stopfenreuth. Und an der Frage, wie heute derartiges ziviles Engagement aussehen könnte. Ein Shitstorm in Facebook wäre wahrscheinlich das höchste, was die Meisten heute als persönliches Engagement auf die Reihe bekämen. Ein Lied von Ludwig Hirsch kommt mir in den Sinn … mit dem Ende:

Und trotzdem, ich fordere Sie auf, gnädige Frau,
und auch Sie, mein Herr:
ein bisserl den Hintern bewegen!
Ja, ich weiß, er wiegt zwar ziemlich schwer,
aber wollen wir nicht auch einmal ein bissl was riskieren?
Weil, alles geht, es müssen nur mehr probieren!

Aber Engagement ist natürlich einfacher, wenn man dabei mit dem Hintern auf dem Fauteuil klebt und über Arschlöcher schimpft.

Die Markierungen des Jakobswegs erinnern mich an ein Karl May Buch aus meiner Kindheit. Da gab es die sogenannten Stickmen, die durch das Umstecken von Markierungsstöcken, die durch die Wüste von Oase zu Oase führen sollten, die Karawanen in die Irre leiteten um sie dann … halbverdurstet … auszurauben. Jakobswegswegweiser, die schnurgerade in einen Privatgarten führen, schürten in mir den Verdacht, dass jene, die diese Schilder aufgestellt haben, Nachkommen dieser Stickmen gewesen sein müssen.

So beschließe ich, diese Wegweiser zu ignorieren und meinen eigenen Jakobsweg zu erschaffen. Und ich versuche mir dazu auch den Gedankenfilter eines Pilgers zuzulegen, der diesen Weg ging, um letztlich in der Kathedrale von Santiago de Compostela zu landen. Das hilft mehr als die Wegweiser, die sicher erst aufgestellt wurden, nachdem das Thema zu boomen begann.

Appropos Boom:
Bis jetzt habe ich keinen einzigen Jakobswegpilger getroffen.

Vorbei am Flughafen Schwechat durch den man teilweise sogar durchfahrt und bei der stinkenden Raffinerie geht es dann parallel zur Autobahn auf einem landschaftlich erstaunlich angenehmen Radweg Richtung Wien. Meine nächste Station ist der Wiener Zentralfriedhof. Dort besuche ich meine Eltern.

So wie ich schon erfahren habe, warum der Anhänger Anhänger heißt, so erfahre ich jetzt, warum im Wort „besuchen“ das Wort „suchen“ steckt. Irgendwie lauf ich heute ungezählte Male am Grab vorbei. Die Logik der Reihennummerierung am Zentralfriedhof ist schlicht und ergreifend nur eine ausgereiftere – weil mehrdimensionale – Perfektionierung der Stickmen-Strategie. Schließlich finde ich das Grab.

Zuerst stelle ich mich an die Seite, wo Papa begraben ist, dann an die, wo meine Mutti liegt. An beiden Plätzen nehme ich mir Zeit. Viel Zeit. Zeit für Erinnerungen, Zeit für Trauer, Zeit für Tränen. Zeit für etwas, was in unserer Kultur verpönt ist. Und diese Zeit tut gut.

Nach der Durchquerung von Wien und einem Spaziergang im Ersten Bezirk, vorbei am Hochstrahlbrunnen, an der Technischen Universität, an der ich vor vielen Jahren mein erstes Studium abgeschlossen habe und dem Naschmarkt, der mich auch an so manches erinnert, lande ich endlich am Wientalradweg. Den hatte ich von früher her als sehr schön in Erinnerung. Geschmäcker und die Ansprüche an das, was man schön nennt, ändern sich.

Auf der B1 geht es dann weiter nach Traismauer, wo ich übernachten wollte. Alles ausgebucht. Ich fahre in den Nachbarort Wagram. Alles ausgebucht. Ein Heuriger, der Zimmer vermietet. Ausgebucht. Der Chef telefoniert geschlagene 20 Minuten für mich herum, wo es in der Gegend noch eine freie Übernachtungsmöglichkeit gäbe. Nichts. Das verlängerte Wochenende und eine große Hochzeit haben ihre Wirkung gezeigt.

Ich hab zwar keine Lust, bei dem regnerischen Wetter in einer feuchten Wiese zu campen, aber es scheint die einige Lösung. Ich frage den Heurigenwirt, ob er mir ein paar Quadratmeter Wiese zur Verfügung stellen würde. Er meint, ja, das ginge … im Garten seiner Eltern, das Nachbarhaus.

Ich fahre die kurze Strecke hinunter. Der Vater des Heurigenwirtes erwartet mich schon und meint:
„Wenn es mir nichts ausmacht, könne ich ja im Zimmer seiner Enkel schlafen, die seien eh gerade nicht da.“

Ich übernachte mitten im Privatbereich der Familie. Nutze dasselbe Bad wie sie. In einem urgemütlichen schönen Zimmer. Mit zwei sehr sympathischen älteren Menschen. Und ich bin froh, dass es Menschen gibt, die sich nicht vor einem Fremden fürchten.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 105 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 607 m

Verlauf der Route:
Fischamend – Schwechat – Wien – Purkersdorf – Würmla – Traismauer – Wagram

Übernachtung:
Bei den Eltern vom Heutigenwirt von Wagram bei Traismauer

 

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