Mein persönlicher Jakobsweg … der dritte Tag

Nach einem königlichen Frühstück im Dorfwirtshaus von Kallsdorf (ich bin der einzige Gast) ein motivierter Aufbruch.

In den ersten beiden Tagen wurde ja mein Gedankenfluss auch davon unterbrochen, dass ich mich ortientieren musste, Wege suchen musste … an diesen Tagen war ja meine Wegstrecke weitestgehend nicht der „offizielle“ Jakobsweg. Der sollte ja in Hainburg beginnen … und ab da wäre er sicher so gut beschildert, dass ich nurmehr den Wegweisern folgen müsse und von Orientierungsaufgaben frei wäre.

Der Vormittag bringt ein Dauerlabyrinth an Gedanken. Nein, mein Kopf ist nicht frei. Auch nicht freischaltbar. Dadurch dass die Wegstrecke bis Hainburg landschaftlich einfach nur langweilig flach ist, wird das Gedankenlabyrinth scheinbar noch gefördert. Und dadurch, dass hinter mir ein Stück der einen Vergangenheit liegt und vor mir ein Stück der anderen Vergangenheit.

Die Strecke ist zäh. Nicht weil sie körperlich anstrengend wäre, eher weil sie durch ihre Langeweiligkeit keine Abwechslung bietet, so gut wie nichts da ist, das irgendwie inspirieren könnte … sie zieht sich ohne merkbare Veränderung, meist noch auf Straßen, dahin. Ich unterbreche mit einer Mittagspause am Rand eines Dorfes mit nichtssagendem Ortsbild … das inspirierendste hier ist der Billa-Parkplatz, auf dem ich mich mit Multivitaminsaft und Cashew-Nüssen stärke. Eher mental, als somatisch.

Dann endlich am Horizont:
Die Tafelberge um Hainburg und Stopfenreuth. Ein Hauch von Landschaft in der Ferne.

Damals, vor 32 Jahren, gab es einen extrem kalten Winter. In der Au um Hainburg und Stopfenreuth hatte es durchgängig Temperaturen um die Minus Zwanzig. Und die Au um Hainburg und Stopfenreuth sollte zerstört werden.

Sie war damals fast der einzige in Europa noch vertretene Urwald – und zugleich der größte seiner Art. Zerstört werden sollte sie für den Bau eines Laufkraftwerks an der Donau. Eine seltsame Allianz aus Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung, Gewerkschaft, Politikern aller Parteien sowie alle Medien (allen voran ORF und Kronenzeitung) forcierten massiv den Bau dieses Kraftwerks, ohne das in Österreich das Licht in den Haushalten ausgehen würde.

Dagegen standen ein paar Menschen, die diesen relativ unberührten Auwald mitten in Europa retten wollten. Unter ihnen auch bekanntere Persönlichkeiten, wie Günther Nenning, Fredda Meissner Blau und Arik Brauer. Es sollte später die Geburtsstunde der Grünen in Österreich werden.

Das Mittel, um eine Volksabstimmung zu dem Thema durchzusetzen, anstatt die vereinigten Apparatschicks bestimmen zu lassen, war der gewaltlose Widerstand durch die Besetzung der Au, wodurch die Bauarbeiten weitestgehend blockiert waren. Ich war einer der Mitorganisatoren und dann selber wochenlang in der Au.

Das Mittel, um dieses demokratische Instrument zu verhindern, war zuerst ein seitens der Gewerkschaft organisierter Marsch der Arbeiter mit Knüppeln in die Au, um uns hinauszutreiben. Diese Idee wurde aber dann durch einen Polizeieinsatz ersetzt, wo mit scharfen Hunden und Wasserwerfern bei eiskalten Temperaturen gegen uns vorgegangen wurde. Vorher wurde die Au als Sperrgebiet und wir als rechtsextreme Anarchisten und Terroristen in allen Medien gebrandmarkt. In einem Club Zwei Interview, ein damaliges Diskussionsformat im ORF, saßen unter anderem der damalige Innenminister Blecha und der jüdische Künstler Arik Brauer. Herr Blecha rechtfertigte den brutalen Einsatz der Exekutive damit, dass er meinte, dass in der Au lauter rechtsextreme Anarchisten wären. Darauf erwiderte Arik Brauer:
„Herr Minister, ich garantiere ihnen, ich rieche einen Rechtsextremen zehn Kilometer gegen den Wind. Ich war in der Au. Ich habe keinen einzigen gerochen.“

Und zu diesem Event der versuchten gewaltsamen Vertreibung kam natürlich die inländische und ausländische Presse und Fernsehsender. Schlauerweise behandelte die agierende Executive die Berichterstatter auch als Terroristen, zerrte sie in Gefängniswagen, riss ihnen die Filme aus den Kameras, …

Daraufhin wendete sich die nationale und internationale Berichterstattung um 180 Grad. Plötzlich waren die Aubesetzer die Helden und die Apparatschicks standen massiv in der Schusslinie. Daran sieht man, wie seriös und befindlichkeitsgesteuert Berichterstattung in Medien funktioniert. Auch wenn dies damals einer sinnvollen Sache diente, in der Regel berichten die meisten Medien nicht objektiv, sondern manipulativ.

Die Konsequenz war, dass der damalige Bundeskanzler eine Nachdenkpause ausrief, die bis heute andauert und zur Gründung des Nationalparks Donau-Auen führte. Die Grünen kamen bei der nächsten Wahl erstmals ins Parlament, damals unter der Führung von Fredda Meissner-Blau. Eine noble und engagierte Lady. Und Zehn Jahre später gabs im ORF die Dokumentationssendung mit dem Titel: „Die Helden von der Au.“

All diese Erinnerungen, über die ich noch viel erzählen könnte, kamen mir in den Sinn, als die Tafelberge immer näher kamen. Und es war ein richtig gutes Gefühl, dann vom Rad abzusteigen und in die Au einzutauchen, die heute nurmehr existiert, weil Menschen, zu denen auch ich gehörte, einen aussichtslosen Kampf gegen „das System“ gewonnen hatten.

In Hainburg dann endlich der für den Jakobsweg typische Wegweiser. Nur … diese Wegweiser erwiesen sich in der Folge als absolut sinnlos, teilweise sogar irreführend und falsch. Wer die aufgestellt hat, sollte sich einmal beim Alpenverein oder bei den Naturfreunden einschulen lassen.

Abends nach dem Beziehen meines Nachtquartiers mache ich noch einen kleinen Spaziergang in Fischamend – auch um zu erkunden, wo es morgen weiter geht. Auf dem Weg treffe ich zwei Frauen mit Hund, die ich nach dem Jakobsweg frage. Ich bekomme eine Wegbeschreibung, die gefühlte drei Stunden dauert. Manche Menschen scheinen einfach zu wenig Möglichkeit zu haben, mit anderen Menschen zu reden.

Die ungarische Kellenerin, die mir mein Abendessen bringt, wirkt sympatisch, und völlig ausgebrannt. In mir wächst die Sensibilität für Menschen, die sich durch das unreflektierte Abspulen ihrer gewohnten – und gesellschaftlich goutierten Verhaltens- und Lebensmuster … selbst kaputt machen.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 92 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 276 m

Verlauf der Route:
Kettlasbrunn – Gaiselberg – Waidendorf – Hainburg – Regelsbrunn – Fischamend

Übernachtung:
Bed & Breakfast beim Stadtturm von Fischamend

 

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