Mein persönlicher Jakobsweg … der zweite Tag

Nach einem ausgezeichneten und ausgiebigen Frühstück, wieder am Familientisch, packe ich meine Sachen zusammen. Das Rad und der Anhänger durften in einer geräumigen Scheune übernachten, die gröbsten Nacktschneckenmusspuren sind entfernt, nur die Reserveschuhe, die vorne im Anhänger waren, sind derart verschneckt, dass sie ohne Intensivreinigung unverwendbar sind. Also ab in ein Plastiksackerl.

Das Wetter ist angenehm, nicht zu heiß, nicht zu kalt, etwas trüb. Ich bin bereit, aufzubrechen.

Aber da ist dieses Auto hinter der Scheune, das nicht anspringt. Gemeinsam mit einem Dorfbewohner schiebe ich an und nach mehrfachen Versuchen brummt der Motor. Der alte Mann lächelt uns dankbar an und fährt seines Weges.

Und ich auch. Nicht seines, meines … 😉

Mein Weg ist vormittags unspektakulär. Eher langweilig landschaftslos und weitestgehend geradlinig. Ich frage mich, warum ich von zu Hause weggefahren bin. Die Landschaft im Bezirk Lilienfeld gehört zum schönsten, was Österreich zu bieten hat.

Es geht über kleine Straßen und Feldwege. Das beeindruckendste ist eine faszinierende Distel, ihre Blätter sind ein Wunderwerk. Gott ist ein Künstler.

Meine Gedanken drehen sich um jenen Zeitabschnitt meines Lebens, der eng mit meinem nächsten Ziel, dem nördlichen Weinviertel verbunden ist. Erinnerungen an die Zeit meiner Ehe, an die Teils energetisch überfordernde Zeit des eigenhändigen Restaurierens des uralten Weinhauerhauses in Falkenstein, teils gemeinsam mit meinem Papa, an die Geschichte des Scheitern der Ehe, meine Fehler und Fehleinschätzungen aus jener Zeit, an den Krieg, den meine Exfrau damals angezettelt hat, Handlungen die sie setzte, mit der Konsequenz, dass sie der einzige Mensch in meinem Leben ist, der es geschafft hat, mir gleichgültig zu sein. Eine andere Form von Gleichgültigkeit wie die am Vortag entdeckte.

Auch Gedanken an die Beziehung zu Menschen aus dieser Zeit. Und dem Wandel dieser Beziehungen. Zum Beispiel die mit den Geschwistern meiner Exfrau. Sie kennen ja die Geschichte nur so, wie sie meine Exfrau erzählt hat.

Wir haben uns immer gut verstanden. Ihre Schwester traf ich einmal zufällig … und es war ein herzliches Wiedersehen. Ihr Bruder? Keine Ahnung, wie er zu mir steht. Ich werde ihn vielleicht heute noch sehen.

Laa an der Thaya, das Juwel der Städte im Weinviertel.
Ich gönne mir ein Eis am Stadtplatz.
Es gibt sogar Sonne.

Dann über den Landmann nach Falkenstein. Eine längere Steigung. Ich bemerke zum ersten Mal, warum der Anhänger Anhänger heißt. Seine knapp 40 kg hängen sich ordentlich an. Ich habe viel zu viel mitgenommen. Und dann gibt der Landmann den Blick frei auf die einzigartig charmante Falkensteiner Landschaft. Die altbekannte Ruine.

Eine schöne Abfahrt ins Dorf hinein. Vorbei an dem alten Haus, das durch meine Hände ging. Ein Blick in den Garten. Dem Baum, den ich gepflanzt hab, geht es gut. Das Haus wirkt etwas heruntergekommen.

Die Akkus von meinem Fotoapparat und von meinem Navi sind leer. Irgendwie hat das mit dem Aufladen in der Nacht nicht geklappt. Ob ich sie beim Bruder meiner Exfrau aufladen kann?

Ich kann. Er freut sich sichtlich, mich wiederzusehen. Leider hat er nicht viel Zeit, weil er Tag der offenen Kellertür hat und deshalb in den Keller muss. Er ist ein exzellenter Weinbauer, einer der es geschafft hat, aus einer für ihn nicht einfachen Ausgangssituation zu einem der ersten Bio-Weinbauern Österreichs zu werden. Und er ist ein bisschen schrullig. Also passt er zu mir.

Er lässt sein Haus für mich offen, während er weg ist. Seine Schwester – meine Exfrau – hatte meinen Kindern verboten, mich ins Haus zu lassen, wenn sie nicht da wäre. Welch ein Unterschied.

Die Akkus laden. Ich mache eine kleine Wanderung entlang der mir bekannten Pfade. Vertrautheit in der Fremde. Dann gehe ich zum offenen Keller und bestelle mir eine Kleinigkeit und etwas von dem ausgezeichneten Wein. Die Sorte lasse ich mir vom Bruder meiner Exfrau empfehlen. Er weiß, was mir schmeckt und hat auch diesmal die optimale Wahl für mich. Ein bisschen Zeit für Reden und Austauschen zwischendurch, dann naht mein Aufbruch. Ich möchte ja noch ein Stück weiter heute. Ich möchte das Konsumierte bezahlen. Ich darf nicht. Ich bin eingeladen.

Jetzt geht`s nach Herrnbaumgarten … die Hochburg des Nonseums. Hier werden Gedankenüberschüsse verwertet und Erfindungen ausgestellt, die noch nie jemandem abgegangen sind. Ein paar meiner persönlichen Gedankenüberschüsse verliere ich beim Betrachten der wunderschönen Oldtimer, die gerade im Ort Rast machen und die mich auf der Weiterfahrt gemütlich überholen.

In Wilfersdorf wollte ich ursprünglich übernachten. Aber irgendwie wirkt dieses Dorf so uneinladend. Ich fühle mich hier nicht wohl und fahre weiter nach Kettlasbrunn.

Kettlasbrunn hat Flair. Nur das einzige Dorfwirtshaus hat Ruhetag. Wo werde ich schlafen? Es dämmert schon, ich bin müde und sowohl eine Dorfbesichtigung als auch eine Herbergssuche ist mit dem 40kg-Anhänger eine unerquickliche Vorstellung.

Aber wozu gibt es ortskundige Menschen? Allein … die Straßen sind menschenleer.

Der brave Kettlasbrunner ist nicht mehr draußen, wenn die Finsternis hereinbricht. Vielleicht, weil man ihn sonst mit ihr verwechseln könnte?

Also selektiere ich … Haus mit Auto davor (also wahrscheinlich jemand daheim, straßenseitig liegen in diesen Häusern meist die Schlafzimmer, die um diese Zeit noch keinen Hinweis auf vorhandene Einwohner geben), nicht zu abgehoben, daher nicht zu ängstlich um einem Fremden Auskunft zu erteilen …

Ich läute an … und lande in einem freundlichen Hexenhaus. Nein, außer dem Dorfwirtshaus gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit. Aber die Hexe ruft die Wirtin an, die im Nachbarort beim Heurigen ist. In drei Stunden könne sie mir aufsperren.

Die freundliche Hexe bietet mir an, Rad und Anhänger bei ihr unterzustellen, damit ich unbeschwert den Ort anschauen kann. Beim Reinstellen kommen wir ein bisschen ins Gespräch und sie ladet mich ein, gemeinsam mit ihrer Freundin bei ihr Abendzuessen. Die Freundin kommt mit allem möglichen Essbaren. Ihren Besen kann ich aber nirgendwo entdecken. Auch keinen Lebkuchen oder Brezel. Die Hexen heutzutage sind auch nicht mehr, was sie einmal waren ;-).

Ein gutmütiger gemütlicher Riese erscheint, der sich als Sohn der ersten Hexe entpuppt. Er ist kommunikativ und humorvoll, das Wesen dieses kräftigen Mannes strahlt lebendige Friedfertigkeit aus. Ein sehr angenehmer Gesprächspartner, genauso wie seine Mutter, eine tiefgründige, lebenserfahrene und intelligente Frau, die ihren krebskranken Mann beim Gehen aus dieser Welt begleitet hat … was mich wieder an den Weg erinnert, den meine Eltern aus dieser Welt genommen haben … und so speise ich heute in Gemeinschaft von zwei Hexen und einem Riesen, bevor ich nach einer Runde durch den Ort mein Nachtquartier beziehe.

Und irgendwie ist es auch so etwas wie ein Abschließen eines Teils meiner Vergangenheit. Eines Teils dieses Teils. Denn andere Teile dieses Puzzles liegen noch unverbaut. Und Puzzles mag ich nicht.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 80 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 698 m

Verlauf der Route:
Kallasdorf – Alberndorf – Laa/Thaya – Falkenstein – Herrnbaumgarten – Poysdorf – Wilfersdorf – Kettlasbrunn

Übernachtung:
Dorfwirtshaus von Kettlasbrunn

 

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