Mein persönlicher Jakobsweg … der erste Tag, der eigentlich der Dritte war

Nach den anhaltenden Regenfällen und Gewittern endlich nur mehr nieseln … ich packe meine Sachen auf den Radanhänger, der Rucksack kommt noch in meinen wasserfesten Bootsrucksack, der Fahrradhelm (den ich sicherheitshalber mitnehme, aber während der gesamten Tour nie aufsetze) wird oben drauf geschnallt, das ganze mit Gummizügen verzurrt.

Ich hasse diese spanischen Nacktschnecken. Diese braunen schleimigen Schmarotzer. Warum erinnern sie mich gerade jetzt an bestimmte politische Coleurs?

Mein „erwartungsfreier“ Jakobsweg beginnt mit Hass. Toll. Hab ich mir echt nicht erwartet. Ich liebe Tiere, ich liebe die Natur, aber auf manche Kreaturen würde ich gerne verzichten. Ein Hauch von Überheblichkeit?

Dennoch versuche ich anfangs, mit dem Rad den Nacktschnecken auf dem Weg auszuweichen. Ich vermeide es auch, auf Regenwürmer zu treten. Nur Gelsen erschlage ich. Nacktschnecken sind mir selbst dazu zu grauslich. Aber es sind Lebewesen und so weiche ich aus. Bis sie den Weg derart dicht bevölkern, dass ein Ausweichen nur fliegender Weise möglich wäre.

Mein Rad hat keine Kotflügel. Ich kann nicht fliegen. Nacktschnecken können es. Auch ohne Flügel jeglicher Art. Nacktschneckenmus auf meinem Rücken und auf dem Gepäck des Anhängers ist das Resultat. Wer Nacktschneckenmus an Stellen hat, wo er sie nicht wünscht, verliert ein Stück innerer Gelassenheit. Ein signifikantes Stück.

Die Stecke bis Traismauer bin ich schon öfter gefahren. Landschaftlich extrem schön entlang der sich zwischen den Bergen des Alpenvorlandes dahinschlängelnden Gölsen, die dann in der immer flacher werdenden, aber durchaus noch in ansprechenden Wellen verlaufenden Landschaft links und rechts von der Traisen abgelöst wird.

Ich weiß, wie schön diese Landschaft ist. An diesem Tag bemerke ich davon nichts. Es regnet – und es wirft Nacktschneckenmus.

Irgendwann – jenseits der Donau, wird die Landschaft nacktschneckenärmer … und meine Gedankenwelt reicher. Ach ja … ich dachte an etwas wie Gedankenfreiheit, einen Zustand des im inneren Fluss sein, an etwas Erwartungsfreies, das kommen möge, wenn mein Kopf gereinigt vom Schrott und den Schätzen der Alltäglichkeit wäre. Ich hatte sozusagen im Vorfeld Erwartungen über die Erwartungslosigkeit. Sie wurden nicht erfüllt.

Stattdessen Spannung. Anspannung. Sobald ich frei von der Nacktschneckenplage und reich an Nacktschneckenmus war … rattern Gedanken über Gedanken durch meinen Kopf. Nein. Er ist nicht frei. Noch schlimmer … es sind keine weiterführenden Gedanken. Es ist eher wie eine Salve Maschinengewehrfeuer. Wo die einzelnen Kugeln einander nicht wirklich kennen. Zusammenhangslos.

Irgendwie ist das lustig. Man fährt in der Erwartung der Erwartungslosigkeit gedankenverloren und gedankengefangen so dahin und bemerkt es nicht … bis man es bemerkt. Und dann denkt man (… also ich) … „Hey, ich denke ja dauernd irgendwas!“ … und beginnt, das abzuschalten.

Allein … das Abschalten ist wirkungslos. Und dann die Gedanken über die Gedanken. Und die Gedanken darüber, was es bedeutet, dass diese Gedanken … (wenn man das eine Zeit lang konsequent spielt, ist das sicher eine gute Methode, um Kopfschmerzen zu erzeugen …)

Und dann – irgendwann – wie von selbst – der Gedanke an die Gleichgültigkeit. Eine Art des Loslassens. Es ist gleich gültig, ob ich etwas denke, was ich denke, ob es mir gelingt nichts zu denken, ob es mir gelingt, den Kopf frei zu halten. Es ist gleich gültig, ob ich mir den Anspruch auferlege, gedankenfrei in den mentalen Fluss zu kommen und ihn nicht erfülle, es ist gleich gültig ob ich es schaffe, ihn zu erfüllen, es ist gleich gültig ob ich meine Ansprüche an das, wie es sein soll, aufgebe oder aufrecht erhalte.

Gültig ist nur:
Es ist, wie es ist.

Und irgendwie macht das frei. Und irgendwie geht die Spannung auf Null. Und irgendwie ist das angenehm. Und irgendwie kommt das Bild eines Elektrokabels.
Mit drei Drähten.

Der Erste bringt die Spannung.
Der Zweite ist der Null-Leiter.
Der Dritte die Erdung.

Und genauso ist der erste Tag, welcher in Wirklichkeit der dritte ist:

Jakobsweg unelektrisch.

Die erste Pause – und die einzige an diesem Tag – mache ich in Eggenburg. Es hat aufgehört zu regnen und der unscheinbare Dorffleischhauer hat die beste Leberkässemmel meines Lebens. Ich genieße sie beim Torbogen – um anschließend nochmals in das Geschäft zu gehen und dort mein Kompliment für den Leberkäse zu hinterlassen. Die Fleischhauerin freut sich, obwohl ich nacktschneckenbemust und schlammbesprenkelt wahrscheinlich ein eher ungewohntes Erscheinungsbild abgebe.

Mit Eggenburg verbinden mich schöne Erinnerungen. Als Konsequenz von einem Schwätzchen mit meiner Sitznachbarin Evi in der Physikvorlesung zu Beginn meines Chemiestudiums bin ich in Eggenburg das erste Mal auf einem richtigen Pferd gesessen. Der ausserordentlich ungewöhnliche Beginn meiner Karriere als Reiter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es regnet. Ich suche ein Nachtquartier. In dem Ort, wo ich übernachten wollte, ist alles ausgebucht. Ich bemerke, dass ich früher in solchen Situationen angespannt gewesen wäre. Jetzt aber spüre ich die Gelassenheit und das Wissen, dass ich einen guten Platz finden werde. So wie die Wurzeln einer Pflanze wissen, in welche Richtung sie wachsen.

Und ein alter Lebensgrundsatz kommt mir neu in den Sinn:
Es ist immer alles da, was du brauchst.
Du brauchst es nur zu finden.

Auf einem Dorfplatz irgendwo auf meiner Herbergsuche sehe ich zwei Frauen im Regen. Ich frage sie, ob sie mir einen Tipp geben können, wo ich übernachten kann.

„Ja, bei mir“, sagt die eine – Lisa heißt sie. Und ruft bei sich zu Hause an. Nein, leider sei alles ausgebucht, aber sie werde eine Lösung finden. Sie telefoniert herum und vermittelt mir dann ein schönes Zimmer in einem Bauernhof.

Dort werde ich wie ein Familienmitglied aufgenommen. Die anderen Gäste sitzen, so wie es sich gehört, an den Gästetischen, ich sitze am Tisch mit der Besitzerin und der Serviererin. Ungehörig eben.

Die Suppe bekomme ich in einem riesigen Topf serviert, aus dem ich mir nehmen soll, so viel ich will. Der Abend dauert lang … mit Gesprächen über die Natur des Menschen, die man in dieser Art in einem Bauernhaus nicht erwarten würde.

Für jene, die es gerne technisch haben:
– Wegstrecke: 124 km
– gesamte Höhenmeter bergauf: 553 m

Verlauf der Route:
St. Veit – Wilhelmsburg – St. Pölten – Herzogenburg – Traismauer – Gedersdorf – Hadersdorf – Eggenburg – Pernersdorf – Kallasdorf

Übernachtung:
Weingut Burger in Kallasdorf

 

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