Mensch ärgere dich nicht?

Da gibt es doch dieses Spiel. Spielen tut man doch eigentlich, weil es lustig ist. Und hier spielen wir, damit wir uns ärgern?

Vor ein paar Tagen hörte ich bei  einer Autofahrt zu einem meiner Kunden Autoradio. Ein sogenannter Emotionstrainer sprach über den „richtigen Umgang“ mit Ärger. Der Aufhänger dazu war der Satz:

„Ich ärgere mich über mich.“

Besagter Emotionstrainer erklärte, wie unsinnig es doch sei, sich über sich selbst zu ärgern. Dazu käme es, weil man in der Vergangenheit etwas getan hätte, was man selber als unzureichend empfindet und sich hinterher die Schuld dafür zuschiebt, sich für inkompetent hält und sich eben über sich ärgert. Man solle sich doch in einer solchen Situation selbst sagen, dass das, was geschehen ist, in der Vergangenheit liege und daher nicht mehr zu ändern sei, es daher sinnlos sei, sich darüber zu ärgern und dass man seinen Ärger damit stoppen müsse.

 

Ich mach es gerne vorab kurz:

Ich habe selten so einen Unsinn gehört.
Aber es wundert mich nicht. Denn … von wem kommt es?

Was ist denn ein Emotionstrainer?

Die Bezeichnung gehört in Österreich zum sogenannten „freien Gewerbe“. Dies ist ein Sammelsurium von allen Berufsgruppen, für deren Ausübung gesetzlich keinerlei Befähigungsnachweis nötig ist. Reglementierte Gewerbe dagegen erfordert fundierte Ausbildungen und klar definierte Befähigungsnachweise.

Natürlich ist es ein guter Trick, sich kreative Namen zu geben, um einen Expertenstatus vorzutäuschen, ohne einer zu sein. Schade nur, dass diverse Fernseh- oder Radiosender nicht recherchieren, bevor sie publizieren und sich damit zum Werkzeug der Irreführung des Marktes machen … ein anderes Beispiel ist die mittlerweile rechtskräftig verurteilte „Mentaltrainerin“ von Sebastian Vettel, Lindsey Vonn und der spanischen Fußball-Nationalmannschaft, die von den angeblich von ihr gecoachten nicht einmal gekannt wurde … und die in ihren Sendungen durch die Bekanntgabe ihrer scheinbaren Kunden den Vertrauensgrundsatz und die Berufsethik massiv verletzte. Ach so, ja, stimmt … ihr Beruf ist ja eine marketingwirksame Erfindung 😉 … da gibt’s dann auch keine Ethik.

(… ja, und natürlich ist es ok, marketingwirksame Erfindungen zu verwenden, schließlich müssen wir ja auch von etwas leben … nur sollte dann auch ETWAS Fundiertes dahinter sein, das echte Kompetenzen und fundierten Mehrwert für die potenziellen Kunden sicher stellt, und dieses ETWAS sollte auch klar und transparent ersichtlich sein.)

 

Mich erinnert das ein bisschen an Rumpelstilzchen, und das wiederum hilft mir, mich nicht allzu sehr über sowas zu ärgern.

 

MICH ÄRGERN?

Ja, es stimmt. Wenn ich mich ärgere, dann bin ich derjenige, der mich ärgert. Nein, ich gebe niemand anderem die Macht, über meine Emotionen zu bestimmen. Ich bin selber dafür verantwortlich. ICH ärgere MICH.

 

ÜBER MICH?

Ja. Und gerne auch noch. Weil manchmal bau ich Scheisse im Leben. Also Scheisse. Das ist in Ordnung, wenn diese im WC landet. Es ist nicht ok, wenn es daneben geht. Das entspricht nicht meinen Erwartungen an mich. Ich empfinde so etwas als meinem Wesen, meinen Ansprüchen an mich unzureichend.

Natürlich könnte ich jetzt, den Empfehlungen unseres schaumschlagenden Emotionstrainers folgend, meinen Verstand (welchen Teil meines Verstandes? … hmmm) mir (also irgendeinem anderen Teil von mir … welchen denn? Wie sprech ich den rational adäquat an?) zu sagen:

„Das, was geschehen ist, liegt in der Vergangenheit und ist daher nicht mehr zu ändern. Deshalb ist es sinnlos, mich darüber zu ärgern. Du musst aufhören, dich zu ärgern.“

Das hätte dann einen der folgenden Effekte:

1. … es würde wahrscheinlich nicht funktionieren

… und das wäre das beste, was passieren könnte. Denn dann kann ich mich ja noch zusätzlich über mich ärgern, dass ich mich ärgere, obwohl ich mir doch gesagt habe, dass ich mich nicht ärgern darf …
=> Inkongruenzen und Unauthentizität sind vorprogrammiert …

(… warum eigentlich spielen wir so gerne „Mensch ärgere dich nicht?“)

2. … es tritt der ungünstige Umstand ein, dass es wirklich funktioniert …

… und das bewirkt, dass ich mich in einen emotionalen Stausee oder Vulkan verwandle.

Ein emotionaler Stausee? Ein Vulkan?

Ja, das ist so eine Art Entsorgungsdeponie, wo alle nicht ausgelebten und in irgendeiner Form als negativ oder unerlaubt klassifizierte Emotionen zwischengelagert werden. Und irgendwann … völlig unvorhersehbar wann, ausgelöst durch einen völlig unadäquaten und harmlosen Anlass … bricht die Staumauer – explodiert der Vulkan … und ein Schwall vergorener Emotionen ergießt sich wie ein Tsunami auf alles, was gerade zufällig da ist.

Landläufig nennt man so etwas dann je nach Ausformung:

  • Jähzorn
  • Amoklauf

Das kann man wollen, muss es aber nicht. Man kann aber, wenn man will und noch kann, sich nachher darüber ärgern, oder sich sagen, dass es eh in der Vergangenheit liegt.

Hmmm … ja … wie auch der Volksmund sagt:
„Stille Wasser sind tief.“
Vulkankrater auch.

(Und so hören wir dann in den Nachrichten als Spitze des Eisberges nach irgendwelchen „unerklärlichen“ Gewalttaten:

Wir verstehen das nicht. Er war immer so ein freundlicher und höflicher Mensch. Hilfsbereit und unauffällig. Nie ärgerlich. Nie aggressiv. Wie konnte er nur jetzt …

Wie ärgerlich arg!

3. … wird der Ärger einfach in sich reingefressen, man wird unförmig und der Körper nimmt sich einfach den Raum, den er emotional nicht bekommt. Oder man ist zu eitel dazu und entscheidet sich unbewusst lieber für ein Magengeschwür. Oder etwas anderes, das dann endlich einmal unkontrolliert wachsen kann (ich meine einen Tumor … ein Schelm, wer anderes dachte).

… das wär dann eine psychosomatische Symptomverschiebung

Bei all diesen Effekten (und all jenen, die ich hier nicht angeführt habe, worüber ich mich natürlich ärgern könnte) passiert zusätzlich noch eines:

Das wertvolle Signal  Ärger
wird als Symptom verleugnet und dadurch versperren wir uns die wertvolle Möglichkeit, aus etwas, das wir als Fehler, Unzulänglichkeit oder ähnliches klassifizieren ZU LERNEN und sich infolgedessen WEITERZUENTWICKELN. Würde der Ärger einfach als Signal akzeptiert und führte dieser Ärger zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst, wäre das Austragen dieses Konfliktes unserer inneren Teile mit dem Ziel einer konstruktiven Lösung eine echt sinnvolle Investition in eine authentische und kongruente persönliche Zukunft.

Es ist sinnlos, Gefühle werten zu wollen. Wir sind keine emotionale Taschenlampenbatterie mit einem negativen und einem positiven Pol, wir haben dem entsprechend auch keine negativen und positiven Emotionen, sondern schlicht und einfach Emotionen ohne Beipackzettel. Die ein wichtiges und wertvolles Signal für das, was dahinter steht, sein können. Und dort lohnt es, sich hinzuschauen. Ja, denn dort finden wir dann das, was uns vielleicht wirklich hemmt, quält, einschränkt … oder uns auch fördert, inspiriert, wohltut.

Der richtige Weg ist, zu wissen:
Es ist, was ist.

Und wenn ich mich ärgere, dann ärgere ich mich.
(Und ich kann mich nicht daran erinnern,
dass es nicht irgendwann aufgehört hätte …)

 

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