Dornröschen, darf ich bitten? Trau ma uns?

Trauma uns doch einmal an eine Geschichte, die im deutschsprachigen Raum ungefähr 80% der Menschen mit sich herumschleppen. Etwas, das sie einfach belastet, und zwar meist ohne dass es bewusst ist. Ist das nicht komisch? Das wär doch so, als schleppte man einen schwer belastenden Rucksack ohne verwendbaren Inhalt mit sich, ohne es zu wissen.

Das macht einfach Lebensqualität kaputt. Bei ganz vielen. Und bei denen, die sich mit den oft verletzenden Auswirkungen dieser … trau ma uns, es beim Namen zu nennen … Traumatisierungen herumschlagen müssen.

Achtzig Prozent? Wie gibt es denn das? Das ist ja fast schon jeder!

Dieser Artikel wird dir Einblick geben, warum das so  ist, woran man es erkennen kann, wie man sich davon befreit und was andere davon haben:

  1. Was ist denn überhaupt ein Trauma
  2. Wie äußert sich ein Trauma
  3. Welche Arten von Traumen gibt es
  4. Welche Auswirkungen hat das auf unser Umfeld
  5. Wege in die Freiheit

 

1. Was ist denn überhaupt ein Trauma?

Wenn jemand etwas psychisch stark Belastendes erlebt, wofür er zu diesem Zeitpunkt nicht die Möglichkeit hat, dies zu bewältigen, würde das sein mentales Gleichgewicht derart kaputt machen, dass dieser Jemand sozusagen psychisch „stirbt“.

Zum Glück lässt dies unser Unbewusstes in der Regel nicht zu. Wie schon in anderen Artikeln angesprochen, besteht unser Unbewusstes ja nicht aus einer amorphen inneren Masse, sondern aus einem Team innerer Teile. Bei einer Traumatisierung entstehen an dem Teil, der davon betroffen ist, schwere psychomentale Verletzungen. Er ist nicht mehr fähig, seine bisherigen Verantwortungen wahrzunehmen, wird abgekapselt und geschützt. Geschützt wird dieser verletzte Teil vom Schutzteil, der dafür sorgt, dass „man“ ja nie wieder derartig verletzt wird. Die Abkapselung des verletzten Teils ist übrigens (neurobiologisch sogar mit bildgebenden Verfahren darstellbar) der Grund dafür, dass das Ereignis, welches die Traumatisierung ausgelöst hat, oft auch aus der bewussten Erinnerung des Menschen verbannt ist.

Da war doch einmal dieses Dornröschen. Und das stach sich mit dieser vergifteten Spindel. Das war echt zu heavy für Dornröschen. Es fiel um und erstarrte … und vieles rund um Dornröschen erstarrte auch. Manche waren über die Erstarrung sogar froh, wie zum Beispiel der Küchenjunge, der sonst gerade eine Ohrfeige bekommen hätte. Um diese verletzte und traumatisierte Burg wuchs eine dichte Dornenhecke. Um Dornröschen davor zu schützen, dass es nochmals so  verletzt wird. Diese schützende Hecke bewirkte folgendes:

  1. … beschützte sie das Dornröschen so gut, dass ihr keiner mehr weh tun konnte
  2. … sorgte sie dadurch dafür, dass die bedrohliche Szenerie durch die Erstarrung stabilisiert wurde, unbeweglich und stabil
  3. … ließ dieser Teil auch nichts zu Dornröschen, was Dornröschen hätte helfen können, wieder geheilt und lebendig zu werden

Genau so funktioniert das Zusammenspiel des Schutzteils und des verletzten Teils nach einer Traumatisierung.

 

2. Wie äußert sich ein Trauma?

In erster Linie durch das Verhalten des Schutzteils. Und dann ist noch das bedrohliche Ereignis wichtig, welches das Trauma bewirkt hat. Und das, was bei diesem Ereignis auch noch da war, ohne bedrohlich zu sein.

Angenommen, dieses Ereignis ist ein schwerer Autounfall. Unmittelbar vorher spielte „Simply the Best“ im Autoradio und dein Beifahrer erzählte mit sonorer Stimme von seiner letzten Fahrradtour. Der Song, seine Melodie, der Tonfall der Stimme des Beifahrers und der Inhalt seiner Erzählung sind völlig ungefährlich. Gefährlich war der Autounfall. Ach ja, und es roch nach Vanille. Aber all diese unbedrohlichen Begleitumstände (oder Teile davon) sind … nachdem das alles passiert ist, aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

Der Schutzteil hat die Verantwortung, den verletzten Teil zu beschützen. Und jedes Mal, wenn etwas da ist, das derart verletzen könnte, wird er aktiv. Dummerweise unterscheidet er aber nicht zwischen wirklich bedrohlichem und den ungefährlichen Begleitumständen. So wie bei einer Allergie der Körper auf etwas Ungefährliches mit Abwehr reagiert, so tut es nun auch der Schutzteil, wenn es gerade nach Vanille riecht. Der Fachausdruck für diese „Allergene“ ist Trigger.

Er produziert Schutzverhalten. Er macht mit dir, dass du deine Schutzmuster abspulst.
Und was sind so klassische Schutzmuster?

1.  das Schwert
… du reagierst aggressiv, ohne dass dir jemand Böses will
(weil dein Gegenüber vielleicht zufällig den selben Tonfall in der Stimme hat oder sein Parfüm nach Vanille …

2. das Schild
… du blockst ab, lässt dich nicht ein, beharrst stur auf deinem Standpunkt ohne dessen Plausibilität zu prüfen, verhaltest dich sozial unflexibel …

3. die Flucht
… du vermeidest an sich unbedrohliche Situationen, weichst ihnen aus, läufst vor ihnen davon …
(das können zum Beispiel auch Entscheidungen sein … oder Verbindlichkeit in Beziehungen)

4. das Helfer-Syndrom
… du suchst (selbstverständlich unbewusst) vermehrt den Kontakt zu anderen Menschen, die deiner Meinung nach „ähnliches“ erlebt haben, um ihnen zu helfen …
… in der unbewussten Hoffnung:
„Wenn ich die rette, rette ich mich auch selbst.“ … und das kann bis zur Berufswahl gehen …

Nur funktioniert das nicht.

Was dazu kommt:

Manche dieser ungefährlichen Signale dringen dennoch bis zu dem verletzten Teil durch, so wie auch die Dornenhecke nicht jeden Windhauch oder Sonnenstrahl abschirmen kann. Und dann fühlst du dich plötzlich schlecht, traurig, ängstlich … und weißt nicht, warum.

Und im Hintergrund läuft gerade „Simply the Best“.

 

3. Welche Arten von Traumen gibt es?

1. primäre Traumatisierung
… passiert durch ein bedrohliches Ereignis, das du selber erlebt hast und das dich direkt selbst betrifft.

Beispiele:
– Vergewaltigung
– Misshandlung
– emotionaler oder körperlicher Missbrauch
– ein Autounfall bei dem du der Fahrer bist
– der Verlust eines nahestehenden Menschen
– aktives Erleben von Krieg
– Erfahrung von Todesnähe oder Todesangst
– Verluste im Rahmen von Naturkatastrophen
– persönliche Angriffe und Schmähungen
– lang andauernde Manipulation
– Mobbing
– Scheidung (oder Trennung)
– traumatisierendes Geburtserleben
– Kampfeinsatz
– Folter
– emotionale oder körperliche Vernachlässigung vor allem als Kind

2. sekundäre Traumatisierung
… betrifft oft Helfer an Unfallstellen oder Katastrophengebieten
(Ersthelfer, Einsatzkräfte, Ärzte, Psychotherapeuten, Kriegsberichtserstatter und andere Zeugen eines traumatischen Ereignisses)

Man ist zwar nicht direkt selbst betroffen, kann aber durch Einfühlsamkeit in andere Menschen, die Schreckliches erleben (Konfrontation mit Traumafolgen), traumatisiert werden. Auch ein als Zeuge beobachtetes Ereignis (z.B. Beobachtung des gewaltsamen Todes anderer) kann traumatisierend wirken.

3. tertiäre Traumatisierung
… betrifft Erlebnisse, welche die eigenen Vorfahren gemacht haben.

Unbewusst geben Eltern an ihre Kinder ihre eigenen Traumen weiter.
Diese Weitergabe ist heute über vier Generationen hinweg erforscht.

Interessant ist, dass die Bibel im alten Testament von einer Weitergabe über sieben Generationen spricht.

Auch sehr interessant ist folgendes:

Arbeitet ein Vater oder eine Mutter ihre Traumatisierung erfolgreich auf und lebt das Kind noch im gleichen Haushalt, löst sich damit meist auch die an das Kind weitergegebene Traumatisierung auf.

Lebt das Kind nicht mehr im gemeinsamen Haushalt, so bleibt ihm diese – bzw. das Kind kann sie selber aufarbeiten.

4. quartäre Traumatisierung oder auch kollektive Traumatisierung
… betrifft Erlebnisse, welche viele Menschen eines Kulturkreises oder einer Volksgruppe machen mussten.

Beispiele:
– die beiden Weltkriege
– der Holocaust
– der Vietnamkrieg
– die Verfolgung oder Benachteiligung der eigenen Volksgruppe
– Sklaverei
– Enteignung
– Vertreibung
– Flucht
– andere Formen von Diskriminierung

Aus Punkt 3. und 4. wird klar, warum ca. 80% der Menschen in unseren Breitengraden traumatisiert sind. Die beiden Weltkriege sind an unseren Vorfahren nicht spurlos vorbeigegangen. Die Möglichkeit der Aufarbeitung hatten sie damals noch nicht. Und so wurde über die Generationen hinweg weitergegeben, was viele traumatisierte Verhaltensmuster unserer heutigen Gesellschaft prägt.

Verbindet sich dieser Ballast dann noch mit eigenem Erleben, können auch kleinere Auslöser zu bösen Retraumatisierungen führen.

In der Regel haben wir es ja ohnehin selten mit einem singulären Trauma zu tun. Viel häufiger sind vernetzte Traumagebilde in mehreren Dimensionen.

 

Parallel zu der obigen Klassifizierung kann ein Trauma durch ein akutes oder durch ein chronisches Ereignis oder multikausal hervorgerufen werden:

1. akuter Auslöser:
ein Einzelereignis, das so intensiv ist, dass es für die Traumatisierung ausreicht.

Körperliche Metapher:
Ein Schlag mit dem Vorschlaghammer auf den Daumen reicht aus, dass dieser massiv geschädigt ist.

Beispiel:
Vergewaltigung

2. chronischer Auslöser:
eine langandauernde Folge von Ereignissen, von denen jedes einzelne „verdaubar“ wäre, aber durch die langfristige Wiederholung die Traumatisierung schließlich manifest wird.

Körperliche Metapher:
1.000 Schläge mit einem Bleistift auf den Daumen.

Beispiel:
andauernde emotionale oder körperliche Vernachlässigung in der Kindheit

3. multikausaler Auslöser:
zu viel des „Verdaubaren“ auf einmal.

Körperliche Metapher:
1.000 Buntstifte prasseln kurz hintereinander auf den Daumen nieder.

Beispiel:
zeitlich eng beinanderliegend … Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung, Schulden

 

4. Welche Auswirkungen hat das auf unser Umfeld?

Unser Umfeld, die Menschen die uns umgeben, produzieren andauernd irgendwelche Signale. Sei es eine bestimmte Wortwahl, sei es ein bestimmter Tonfall, sei es eine bestimmte Handbewegung, sei es ein bestimmtes Parfüm oder ein Verhaltensmuster.

Und irgendwann, völlig unabsichtlich, völlig ungefährlich, und in keinster Weise als Angriff oder sonst irgendwie bös gemeint … ist eines dieser Signale ein „Allergen“, ein Trigger, der das traumatisierte Gegenüber auf irgendeine Weise „auszucken“ lässt.

Dass dies für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es im Berufs- oder im Privatleben, belastend ist, ist offensichtlich. Und oft werden derart „auszuckende“ Menschen dann von den anderen mit Attributen belegt … dieser Schnösel, diese Zicke, … (und weniger Nettes) … was in der Folge bis zu Ausgrenzung, Mobbing, Zerbrechen von Partnerschaften und anderem Unschönen führen kann.

Mit der Wirkung, dass man schön in einem Teufelsstrudel schwimmt, der einen langfristig runterzieht.

 

Und da wäre noch diese zweite Auswirkung:

Trauma beinhaltet versteckte und verdeckte Ängste, einschränkende Glaubenssätze bis hin zu zwanghaftem Verhalten und dem Verlust der Freude, Neues auszuprobieren (weil das, was ich schon kenn, ist sicherer, und wie ich als Kind Neues ausprobieren wollte, hat …).

Und genau diesen psychomentalen Schrott gibt man dann als Vater oder Mutter unbewusst an die Kinder weiter.

Von der Symptomatik her sind derart hervorgerufene tertiäre Traumatisierungen etwas anders gelagert als primäre.
Zum Beispiel können Lernschwierigkeiten oder die Symptomatik des erfundenen „Krankheitsbilds“ ADHS die Folge sein.
Und dann nehmen viele Ritalin, anstatt das Thema zu lösen.

Das alles ist nicht lustig.
Wie wäre es mit einem Kuss?

 

5. Wege in die Freiheit …

Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Prinz in das Land, und hörte von einer Dornenhecke, hinter der ein Schloss stehe, in welchem das wunderschöne Dornröschen schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wusste auch, dass schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen Todes gestorben.

Da sprach der Prinz: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte.

Als der Prinz sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter grosse schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch.

 

In jedem Menschen, der so ein Dornröschen in seinem Schloss verborgen hat, gibt es auch den Prinzen, der es durch seinen Kuss heilen kann. Dieser innere Prinz ist jener heilende Anteil unseres Unbewussten, der genau jene Ressourcen hat, die der verletzte Teil braucht, um sich aus der Erstarrung zu lösen und wieder lebendig zu sein.

Dornröschen wurde übrigens nicht gerettet, weil der Prinz es küsste, sondern weil die 100 Jahre um waren 😉 … und erst dadurch der Prinz zu ihr konnte. So ist es auch mit dem Schutzteil … er schützt den verletzten Teil auch vor dem inneren Prinzen … bis die 100 Jahre um sind.

Und so war es auch. Schwere Traumatisierungen in der Vergangenheit aufzulösen, bedeutete langjährige Therapien mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit von ca. 20% über sich ergehen zu lassen.

Noch dazu machen traditionelle Therapien vor allem eines:
Sie füttern den Schutzteil mit Ressourcen und machen ihn so noch stärker, noch effektiver.
Dünger für die Dornenhecke … Eine schlimme Geschichte.

Zum Glück wurde vor gar nicht langer Zeit von Frau Dr. Shapiro eine Methode entdeckt, die EMDR heißt. Diese Methode bringt äußerst effektiv den verletzten und den heilenden Teil in Kontakt … und sie küssen sich schon nach wenigen Sitzungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 80%.

Allerdings funktioniert auch EMDR nur dann, wenn der Schutzteil es zulässt. Und damit das sichergestellt ist, ist es sinnvoll, davor diese Bereitschaft zur Kooperation von dem Schutzteil zu bekommen. Das geschieht entweder in einer speziellen Form von Hypnose (Hypno-Systemische Teilearbeit), in der mit allen beteiligten Teilen im Team gearbeitet wird, oder in einer speziellen Form der Aufstellung (Traumaaufstellung), die jedoch bei gleicher Wirkung wesentlich aufwändiger ist.

Die gute Nachricht:
Durch die abgestimmte und professionelle Kombination dieser Methoden sind Traumen sanft und schnell lösbar.
Ja, das gefällt mir, wenn die Geschichte so endet …

 

Der Prinz ging weiter und alles war so leise, dass er seinen eigenen Atem hören konnte.
Schließlich kam er zu der Stube, in welcher Dornröschen schlief.

Dornröschen lag erstarrt da – so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte.

Und er gab ihm einen Kuss.
Da schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn freundlich an.

 

zurück zur Übersicht
zum Inhaltsverzeichnis

Advertisements

2 Gedanken zu “Dornröschen, darf ich bitten? Trau ma uns?

  1. Hallo Gerhard!
    …..gut geschrieben und auch schlüssig alles begründet.

    Mir fehlt in dieser Auseinandersetzung der körperliche Teil. Nicht nur über Aufstellung o.ä. kommen wir mit unseren Traumata in Kontakt. Ich persönlich halte sehr viel von Methoden, die dich „aus dem Kopf kommen“ lassen. Denn reflektiert sein ist nur die „halbe Miete“. Dein Körper zeigt dir sehr gut, wo dein Trauma liegen kann. Es braucht „nur“ einen entsprechenden Rahmen.

    1. Hallo AL,

      vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken.

      Mir kommt dazu als Erstes ein Ausspruch von Robert Dilts in den Sinn:
      „Wissen ist ein Gerücht,
      so lange es nicht in den Muskeln ist.“

      Ich gehe davon aus, dass du mit „aus dem Kopf kommen“-den Methoden solche meinst, die über den Verstand arbeiten. Und hier bin ich zu 100% bei dir, über den Verstand lösen wir hier gar nichts. Der Verstand ist geneigt, sich für alles mögliche Erklärungsmodelle zu basteln, die in Bezug auf eigene psychomentale G’schichten zwei Dinge gemeinsam haben:

      1. Sie sind mit höchster Wahrscheinlichkeit zwar logisch, aber falsch.
      2. Sie bewirken keine Veränderung.

      Gerade in unserem Kulturkreis sind viele Menschen extrem auf „Denkbares“ reduziert.
      Auf bewusstes „Verarbeiten“.

      Nur dort ist das Trauma nicht entstanden – und dort wird es auch nicht gelöst.

      Dem entsprechend ist es aber auch sinnlos im Sinn einer Lösung des Traumas (bewusst nicht Löschung, Dornröschen wird nicht gekillt sondern geküsst), über welche Methoden auch immer herausfinden zu wollen, wo das Trauma liegt. Nicht nur deshalb … es ist in der Regel nicht ein isoliertes Trauma sondern ein vernetztes Gebilde, wo unser Verstand mit dem Wunsch, dieses zu verstehen, restlos überfordert wäre. Und selbst wenn unser Verstand dies verstehen könnte, wäre damit nichts gewonnen, außer ein akademisches Interesse zu befriedigen.

      Ein Zweites ist wichtig:
      Nicht unser Bewusstes steuert unser Unbewusstes, sondern umgekehrt. Und unser Unbewusstes gibt uns nur so viele Informationen in unser Bewusstsein (siehe dazu auch Wunder Gehirn, wie es glaubt, dass wir vertragen können. UND: Die unbewussten Teile lassen sich von unserem Verstand und unserem bewussten Wollen nicht ins Handwerk pfuschen.

      Das Dritte im Bunde:
      Der Traumenkomplex sitzt im Unbewussten und kann nur dort gelöst werden.

      Das bedeutet, dass nur Methoden wirksam sind (ich spreche hier von gesteuerten und gewollten, nicht von zufälligen Prozessen), die gezielt mit jenen Teilen des Unbewussten arbeiten, die damit verbunden sind. Und das ist höchstgradig individuell.

      Zu den Methoden möchte ich folgendes sagen:

      „Gib deinem Gegenüber nicht,
      was du gelernt hast,
      sondern was es braucht“
      (Zitat meiner Shiatsu-Lehrerin)

      Und dem entsprechend sehe ich es als die hohe Kunst der psychologischen Begleitung, meine Kunden nicht mit Standardmethoden zu beglücken, sondern individuell die für die jeweilige Person im Rahmen des zu bearbeitenden Themas in der Situation die Methode zu „erfinden“ die gerade JETZT zielführend ist.

      Die Kriterien, die dabei für mich anzulegen sind:

      • so wirksam wie möglich
      • so schonend wie möglich
      • mit so wenig Aufwand wie möglich

      … und beim Bauen dieser Methode hilft mir einerseits, dass ich genau dafür ausgebildet bin, meine langjährige Praxiserfahrung und die Methodenvielfalt, die ich beherrsche, wodurch ich aus einem vollen Werkzeugkasten schöpfen kann. Um bei dieser Metapher zu bleiben, bedeutet das auch, dass ich keinen Hammer verwende, wenn es gilt Schrauben rauszudrehen 😉

      Eine sinnvolle Intervention zu machen geht aber erst nach vier Voraussetzungen:

      Erstens:
      Ich muss von dem Thema meines Gegenübers genug Informationen haben, um ein Bild davon zu haben, worum es geht. Das ist der diagnostische Teil. Der ist nicht dazu da, meinem Kunden zu helfen, sondern mir 😉 … und ohne diesen Teil anzufangen halte ich für verantwortungslos. Und meist ist dieser Teil ein Wechselspiel aus Verstandesebene, Unbewusstem und Körperlichem.

      Ein Teil dieses Teils kann eine Traumaaufstellung sein (zum Thema Aufstellungen siehe auch Wie bist du aufgestellt) – oder die Hypno-Systemische Teilearbeit. Wobei beide oft schon auch „etwas“ bewirken … der Übergang ist unscharf. Ich weiß nicht, welche Erfahrungen du mit Aufstellungen oder Hypnose gemacht hast, scheinbar klassifizierst du sie als „verstandesorientiert“.

      Dazu meine Anmerkung:
      Wenn diese Methoden verstandesorientiert und nicht ganzheitlich (also den somatischen Teil integrierend) arbeiten und nicht geführt vom Unbewussten arbeiten, sind sie stümperhaft durchgeführt. Aufstellungen sind aber aus meiner Sicht nicht in erster Linie dazu da, um etwas zu lösen, sondern um dem psychologischen Begleiter genug Informationen zu liefern, damit er den Weg zur Lösung gut und professionell begleiten kann. Dass Aufstellungen oft anders verkauft werden ist Marketing und nicht deren vordergründiger Nutzen.

      Zweitens:
      Die potenziellen Auswirkungen der vollzogenen Veränderung (auch auf das Umfeld) sind geklärt und systemisch-ökologisch verträglich bzw. verträglicher als der Status.

      Drittens:
      Der Wert der Arbeit des Schutzteils ist verstanden und gewürdigt.
      Das Bewusste und der Schutzteil respektieren einander und sind versöhnt.

      Viertens:
      Der Kunde (vor allem sein Unbewusstes) hat die Bereitschaft, die Veränderung zu diesem Zeitpunkt zuzulassen.

      Im Sinn der für mich oben angeführten Kriterien ist für den Themenkomplex Traumatisierung eine EMDR-basierte Methodik als Intervention in den meisten Fällen das Mittel der Wahl.

      Natürlich gibt es auch andere Methoden.
      Nur:
      – sie sind wesentlich aufwändiger
      – weniger schonend und
      – weitaus weniger wirksam

      Und ich bin halt nicht der, der seine Kunden von mir abhängig machen will 😉

      EMDR ist quasi Gehirnchirurgie ohne Messer. Was hier in wenigen Sitzungen passiert ist faszinierend … besonders fasziniert mich als Wissenschafter, dass die Effekte mit bildgebenden Verfahren auch grobstofflich nachvollziehbar sind. Und EMDR arbeitet so gut wie gar nicht über den Verstand, sondern zu weit über 90% direkt mit dem Unbewussten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s