Wie bist du aufgestellt?

Hast du noch was zu klären?
Belastet oder beschäftigt dich etwas, das du einfach nicht los wirst?
Dann nimm dir doch Zeit und sei dabei.

Fast täglich und manchmal mehrmals täglich werde ich mit solchen oder ähnlichen Texten konfrontiert, die dann zu einem Aufstellungsabend einladen. Aufstellungen, vor allem Familienaufstellungen boomen. Aufsteller auch.

Der Einladungstext ist schlau gewählt. Basierend auf hypnotischen Sprachmustern suggeriert er dem Unbewussten: Hier hast du endlich die Möglichkeit, in einem Abend all deine Unklarheiten zu beseitigen, deinen dich belastenden persönlichen Psychomüll zu entsorgen …

Und so gehen viele hin. Glauben, dass sie ihre Familie aufstellen, etwas darüber erfahren können, wer wen in ihrer Familie missbraucht hat, ob es unbekannte verstorbene Geschwister gibt, mit wem wer welchen Partner betrogen hat und wie man diesen Personen trotz allem vergeben kann.

Wer allerdings glaubt, in einer Familienaufstellung (oder irgendeiner anderen Form der Aufstellung) seine Familie aufzustellen, irrt sich. Was hier aufgestellt wird bist einzig und allein du selbst … mit deinen inneren unbewussten Anteilen. Dem entsprechend können Aufstellungen, eingebettet in einen strukturiert begleiteten psychomentalen Prozess als Teilelement der Diagnostik durchaus Wertvolles liefern. Wenn auch auf –  verglichen mit anderen Methoden, die dasselbe weit meist einfacher, schonender und effizienter liefern, sehr aufwändig.

Was passiert bei einer Aufstellung?

Das hängt mit drei Dingen zusammen:

  1. wie unser Unbewusstes in uns selbst drinnen funktioniert
  2. wie sich unsere Umwelt im Unbewussten abbildet
  3. wie sich unser Unbewusstes in der Umwelt abbildet

 

zu 1.
Unser Unbewusstes ist keine „amorphe Masse“, sondern organisiert sich in verschiedenen unbewussten Teilen, die ähnlich einer eigenständigen Person agieren. Ähnlich wie in einem Unternehmen hat jeder dieser Teile Verantwortung, Aufgaben, Absichten und bestimmte Kompetenzen. Manche arbeiten eher alleine, andere eher im Team.

Im Unterschied zum Unternehmen arbeiten alle diese Teile absolut verlässlich UND in den besten Absichten. Für DICH! Und dir unbewusst. Und sie steuern letztlich dein Verhalten im Notfall auch gegen deinen bewussten Willen. Das ist auch gut so, denn dein Unbewusstes ist um ein vielfaches weiser, als dein Bewusstes es je sein wird.

Das bedeutet:
Auch wenn eine Auswirkung der Arbeit eines dieser unbewussten Teile belastend oder sogar zerstörerisch ist, tut dieser Teil dies in bester Absicht für dich, weil  er nur so etwas, das für dich wichtig ist, sicherstellen kann oder dich vor etwas beschützen kann. Indem du diesen Teil dafür verachtest anstatt wertschätzt, motivierst du ihn nur dazu, sich noch bemerkbarer zu machen. Nimmst du ihm die Möglichkeit (z.B. über eine nur symptombekämpfende Hypnose) zu tun, was er tun muss, so sucht er sich einen anderen, neuen Weg. Das nennt man dann Symptomverschiebung.

Ob dieses neu entwickelte Symptom vorteilhafter oder belastender als das alte ist, ist nicht vorhersehbar. Deshalb ist es eine viel bessere Idee, diesem Teil die Lernmöglichkeit anzubieten, das, was er tun muss in Zukunft so zu tun, dass die Auswirkungen seiner Arbeit auch auf anderen Persönlichkeitsfeldern gesund sind und mit anderen Interessen im Einklang stehen.

Dies kann eine Aufstellung definitiv nur in Ausnahmefällen leisten – und dort nicht gezielt, sondern eher als  glückliches Zufallsprodukt.

zu 2.
Ab dem Zeitpunkt, zu dem wir unsere Umwelt wahrnehmen, bilden sich unsere unbewussten Teile. Und zwar als Spiegel dessen, was wir in unserem Außen als Beziehungswelt als wichtig, beeinflussend oder notwendig erachten. Das sind in der Regel unsere Eltern, Geschwister, erste Freundschaften, enge Freundschaften, Feindschaften, Verwandtschaft, Einflüsse aus Kindergarten und Schule. Und auch später, insbesondere bei heftigen Ereignissen, wie z.B. Verlusten, tollen Erfolgen oder wichtigen Weichenstellungen bilden sich neue innere Teile oder es wandeln sich alte. So spiegeln sich unsere Außenerfahrungen, aber auch jene unserer Vorfahren, in unserem Innen.

Bei einer Aufstellung meinen dann viele, sie stellten diese Außeneinflüsse in Form von Personen oder Ereignissen auf. Was aber tatsächlich aufgestellt wird, ist das eigene Innenleben. Und deshalb ist es auch Unsinn, aus Aufstellungen Dinge wie ein gestorbenes Geschwisterl, die Untreue des Urgroßvaters oder ähnliches ableiten zu wollen. Es ist nicht nur unsinnig, sondern auch von Seiten des Aufstellungsleiters verantwortungslos, wenn er derartige Interpretationen fördert.

zu 3.
Wenn wir Teile unserer selbst aufstellen, bedienen wir uns der sogenannten Repräsentanten. Das sind einfach die Leute, die grad um uns herum sitzen. Dabei dockt unser Unbewusstes an das Unbewusste der jeweilig passenden Person an (das passiert großteils über die Spiegelneuronen). Deshalb können die Personen, die dann aufgestellt werden, das, wofür sie stehen meist auch gut darstellen.

 

Was eine Aufstellung also leisten kann, ist, wenn sie eingebettet in einen Gesamtprozess stattfindet, eine schöne Diagnostik des Zusammenspiels der relevanten inneren Teile. Wenn sie mehr leistet, so ist das ein glückliches Zufallsprodukt, aber nicht zu erwarten.

 

Daran anschließend ergeben sich einige kritische Punkte:

  • Von vielen Aufstellern wird die Erwartung geweckt, dass du mittels der Aufstellung etwas klären kannst oder etwas loswerden kannst. Ja, das kannst du. Genauso wie du deine Geldtasche verlieren kannst, dein Essen anbrennen lassen kannst oder im Lotto gewinnen kannst. In der Regel ist eine Aufstellung aber nichts anderes, als ein diagnostisches Instrument, das dem psychologischen Berater Klarheit über das Zusammenspiel deiner für das Thema relevanten inneren Teile liefert.
  • Meist sind Aufstellungen unzureichend vor- bzw. nachbetreut. Das ist so, als wie wenn dich ein Chirurg aufschneidet, in dich reinschaut, und dann sagt … ok,  jetzt hab ich Klarheit drüber, was da los ist … und dich dann so nach Hause gehen lässt. Eine Aufstellung losgelöst von einem psychologisch begleitetem Gesamtprozess empfinde ich deshalb als … leider überwiegend übliche … Scharlatanerie.
  • Die Menschen, die in einer Aufstellung als Zuschauer oder Repräsentanten dabei sind, werden in der Regel noch weniger betreut. Bei diesen gibt es aber (weil sie ja in der Regel auch keine psychomentale Ausbildung haben, in der man lernt, mit solchen Phänomenen gut umzugehen, sondern Laien sind) die Tendenz, eigene Themen und eigene innere Teile mit dem, was sie da sehen und spüren, zu verknüpfen. Den Repräsentanten wird zwar nachher gesagt, sie sollen sich „entrollen“, aber niemand überprüft, ob sie „Entrollnaturtalente“ sind oder sich Probleme mit nach Hause nehmen, die ihnen nicht gehören.
  • Aufstellungen haben Suchtpotenzial. Die beteiligten Menschen bemerken nach einer Aufstellung, dass sich „Etwas“ getan hat. Und das hat es ja auch. Sie bemerken auch, dass dieses „Etwas“ nicht fertig, nicht abgeschlossen ist – oder dass da Neues aufbricht. Und irgendwie glauben sie dann, dass eine neue Aufstellung weiter hilft. Letztlich ist das aber nichts anderes, als die Verwandlung eines akuten Themas in ein chronisches Thema … aus marketingtechnischer Sicht und in Hinsicht auf Kundenbindung natürlich genial.
  • Aufstellungen sind aufwändig. Viele Menschen sitzen lange Zeit herum und bezahlen viel Geld, um etwas zu erreichen, das in ein bis zwei Einzelsitzungen meist mindestens genauso gut, schonender und mit weniger Zeit und Geld erreicht werden kann … ohne die oben angeführten Nebeneffekte. Nur in Ausnahmefällen sind Aufstellungen ein diagnostisches Instrument, das effizienter diagnostische Klarheit liefert, als andere Werkzeuge. Deshalb verwende ich Aufstellungen nur im Rahmen eines strukturierten psychomentalen Gesamtprozesses nur dort, wo sie zielführender und effizienter sind als Alternativen.

 

Fazit:

  • Aufstellungen sind ein wertvolles Instrument, wenn sie verantwortungsvoll und zielgerichtet – eingebettet in einem Gesamtprozess – angewendet werden.
  • Aufstellungen sind gefährlich und unverantwortlich, wenn sie als Allheilmittel vermarktet und eingesetzt werden. Das ist so, als  ob ein Patient zum Arzt geht und sagt: Herr Doktor, ich habe Kopfschmerzen, verschreiben sie mir eine Chemotherapie … und dieser tut es ohne fundierte Diagnostik und ohne adäquate Nachbetreuung. 

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