Sucht & Zwang

Frage von SR:

Du darfst nicht süchtig sein!

Dem Thema möchte ich mich in meiner Diplom-Arbeit im Propädeutikum widmen. Konkret möchte ich die Auswirkungen von Verboten am Beispiel Ess-Sucht beleuchten. Inspiriert vom eigenen Leben, aufgewachsen mit Kalorien-Zählerei, schlechtem Gewissen bei Schoki-Konsum und selbst auferlegten Verboten bin ich in der Praktikums-Stelle ebenfalls mit Verboten bei Adipositas-Bewohnern und strengen Regeln – extern gesteuert von den Betreuern – konfrontiert.

Was fällt euch zum Thema Ess-Sucht und Verbote ein? Wirken sich Verbote – speziell extern auferlegtes Gewichts-Watching – langfristig förderlich für die Gewichtsabnahme aus?

Danke für euer Feedback!

Meine Antwort:

Liebe SR,
vielen Dank für deine spannende Frage 🙂

meine Antwort … erst kurz und prägnant:

Verbote sind Vorboten des Zwangs, sie befolgen zu MÜSSEN.
Eine Sucht mittels Zwang „besiegen“ zu wollen ist …
… den Teufel durch Beelzebub austreiben zu wollen.

Und jetzt … ein bisschen ausführlicher …

Zuerst einmal möchte ich die Kernbegriffe deiner Frage, so wie ich sie verstehe, beleuchten, um sie dann um jene Aspekte, die ich zusätzlich in Bezug auf diese Thematik für wichtig halte, zu ergänzen:

1. Sucht:

Folgt ein Mensch einem Verhaltensmuster, welches nicht dazu dient, entweder …

  • … ein gesundes Bedürfnis ohne Selbstschädigung (Dysfunktionalität) zu befriedigen
  • … oder um zu genießen,

sondern …

  • … um eine bestimmte Wirkung zu erzielen
    (wie … einschlafen können, lockerer werden, wach bleiben können, sich abgrenzen zu können …)
  • … oder um bestimmte unerwünschte Gefühle zu betäuben
    (z.B. Angst, Langeweile, unerfüllte oder nicht ausgelebte Wünsche, …)
  • … oder um sich (unbewusst) etwas zu ermöglichen, was er auf andere nicht selbstschädigende (nicht dysfunktionale) Weise nicht so gut kann (z.B. eine bessere Leistung erbringen, einen Vortrag halten können, die Hemmschwelle senken, Zugang zu Kreativität, …),
  • … oder um sich (unbewusst) vor etwas zu schützen, abzugrenzen, das ihm auf nicht selbst schädigende (dysfunktionale) Weise bisher nicht möglich ist …

… dann ist dieses Verhaltensmuster Ausdruck eines Suchtverhaltens.

Dabei ist das unbewusste Verlangen nach dem suchtbezogenen Erlebniszustand meist derart unabweisbar, dass die Kräfte des Verstandes diesem Verlangen untergeordnet sind. Verbote, Gebote, Regeln und Vorsätze sind jedoch verstandsdeterminiert und werden durch dieses Prinzip von Haus aus unterlaufen.

Die Verhaltensweise alleine (z.B. Alkohol zu konsumieren, Zigaretten zu rauchen) sagt noch nichts darüber aus, ob ein Mensch süchtig ist, sondern erst die Klassifizierung nach obigen Kriterien. Sucht beinhaltet somit Zwangsverhalten. Ein Zwangsverhalten durch ein anderes zu ersetzen ist weder aus neurobiologischer noch aus psychomentaler Sicht zielführend, zusätzlich ist ein nachhaltiger Erfolg ohne andere negative Begleiterscheinungen (Symptomverschiebung oder Rückfall) äußerst unwahrscheinlich.

So seltsam das zunächst klingen mag … letztlich ist Sucht ein Symptom von etwas Tieferliegendem … und deshalb als Symptom sinnvoll. Denn Symptome sind ein wichtiges Signal für das, worum es eigentlich geht. Symptomunterdrückung bewirkt jedoch Symptomverschiebung. Dazu genaueres weiter unten.

Sucht zu bekämpfen, anstatt die tieferliegende Ursache umzuwandeln, ist wie Wimmerl ausdrücken, ohne das vielleicht zugrundeliegende Essverhalten und Stressverhalten zu ändern.

2. Verbot / Zwang:

Ein Verbot ist eine Anweisung zur Unterlassung einer Handlung, wobei in der Regel bei Nichtbefolgung unerwünschte Konsequenzen in Aussicht gestellt werden. Die dahinter stehende Absicht ist es, Individuen zu einem Verhalten zwingen zu wollen, welches diese aus freien Stücken nicht praktizieren würden. Um ihre Einhaltung zu sichern, braucht es Kontrolle und Disziplin.

Verbote können als Regel, Richtlinie, Befehl oder Gesetz gestaltet sein. Das entsprechende Gegenstück in gleicher Qualität ist das Gebot. Beide Formen kommen auch getarnt als „guter Vorsatz“ zur Anwendung.

Verbote und Gebote induzieren Zwang und beschränken die Freiheit und die Autonomie einer Person. Genauso wie Sucht.

Nun gibt es zwei Arten von Verboten/Geboten … mit analogem Wirkmuster:

  • … jene, die von äußeren Autoritäten unter Androhung äußeren Drucks postuliert werden
  • … und jene, die von der eigenen inneren Autorität postuliert wird

Druck erzeugt jedoch Gegendruck, Ausweichen, Flucht oder Erstarrung.

  • Gegendruck bewirkt entweder ein Ausbrechen aus dem Gebots/Verbots-Zwangskäfig oder, wenn er nicht stark genug ist, ein Zerbrechen und akzeptieren der Zwangs-Gefangenschaft
  • Ausweichen bewirkt letztlich einen Abbruch der des Wegs, frei von der Sucht zu werden oder das Ausweichen in andere Symptomatiken
  • Flucht bewirkt Abbruch und Kontaktverlust
  • Erstarrung … siehe unter Stuck State, weiter unten …

Langfristiger Effekt von Zwang-Induktion ist es letztlich, dem Druck auf irgendeine Weise zu entkommen, beispielsweise durch das Finden kreativer Schlupflöcher (oft garniert durch das Phänomen Ausrede und Selbstbetrug) – und somit ein Scheitern, gefolgt von Schuldgefühlen, schlechtem Gewissen und mentaler Selbstzerfleischung.

Wer erzeugt denn den Gegendruck, wenn das Verbot oder Gebot von der eigenen Inneren Autorität postuliert wird? Genau jener innere unbewusste Teil, der das Suchtverhalten sicherstellt. Er kämpft gegen jene innere Autorität, die Regeln aufstellen, durchsetzen und kontrollieren will. Und wenn er damit keinen Erfolg hat, schmiedet er Intrigen mit dem kreativen inneren Teil, dem es Spaß macht, Regeln zu brechen und der darin sehr gut ist und holt sich bei Bedarf andere Verbündete.

3. Gewichts-Watching … kann durchaus sinnvoll sein …

… und zwar, wenn ein Mensch abnehmen möchte, und die Ursache für sein Übergewicht AUSSCHLIESSLICH darin zu suchen ist, dass ihm das Wissen darüber fehlt, wie eine sinnvolle Ernährung gestaltet werden sollte.

(Speziell zur Thematik „Abnehmen“ siehe „Über: Geh Wicht ich„)

Genau in diesem speziellen Ausnahmefall können DiätologInnen/ErnährungsberaterInnen oder auch das System der Weight Watchers eine gute Unterstützung bieten.

In der überwiegenden Zahl der Fälle stehen jedoch psychomentale Ursachen im Hintergrund. Hier hat jede Form von Gewichts-Watching bestenfalls eine untergeordnete ergänzende Funktion zu psychomentaler Begleitung und ist – für sich genommen – unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit kontraproduktiv.

Gewichts-Watching kann unterstützend jedoch auch dann Sinn machen, wenn der Weg unter psychomentaler Führung gegangen wird, um ein darin integriertes Feedbacksignal zu geben (Indikation für: Sind wir auf dem richtigen Weg?). Allerdings gibt es hier weitaus aussagekräftigere Indikatoren als die mittlerweile überholten Körperfettbestimmungen, Gewichtsmessungen oder den Body Mass Index. Denn das, was den Körper in erster Linie belastet, ist nicht das Gewicht oder das Gesamtfett, sondern das Bauchfett … und die perfekte Art des Feedbackgebers dafür ist bestechend einfach:
Ein Maßband, mit dem man seinen Bauchumfang misst.

Details dazu: siehe „Über: Geh Wicht ich„.

4. Unterschiedliche Typen
gehen unterschiedlich mit äußeren oder inneren Zwängen um:

Menschen bauen sich ihre Realität und die daraus resultierenden Handlungsmuster basierend auf inneren Filtern unter anderem den sogenannten Metaprogrammen. Das sind innere unbewusste Programme, die unseren Verhaltensspielraum steuern.

Eine Achse des vieldimensionalen Raumes, den die Metaprogramme aufspannen, bewegt sich zwischen den Polen „Prozessorientierung“ und „optionale Orientierung“. Anhand dieser beiden Pole kurz eine Verdeutlichung, wie Menschen mit dem Schwerpunkt auf einem dieser beiden Pole mit Verboten/Geboten umgehen:

Der optional Orientierte …
… freut sich an der Herausforderung, das Verbot/Gebot umgehen zu können.

Der Prozessorientierte …
… freut sich darüber, eine Regel bekommen zu haben, der er folgen kann … aber nur so lange, bis er unbewusst erkennt, dass das Befolgen dieser Regel ein wichtiges inneres Bedürfnis unerfüllt lässt. Dann wäre eine typische Reaktion, in den Stuck State (Erstarrung) zu verfallen – einen innerer Zustand, in dem er keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu seinen inneren Ressourcen hat – gekennzeichnet durch Freudlosigkeit und das Gefühl der Ausweglosigkeit. In diesem Zustand sind Menschen in Bezug auf den Kontext unflexibel, blockiert und können keinen klaren Gedanken fassen, außer unbewusst jenen, auf das altbewährte Muster, nämlich das Suchtverhalten, zurückzugreifen. Was dann letzten Endes auch geschieht.

Beides keine zielführenden Ergebnisse, der Rückfall ist vorprogrammiert.

5. Symptombekämpfung bewirkt Symptomverschiebung:

Suchtverhalten ist ein sinnvolles Symptom für irgendetwas Wichtiges und meist Wertvolles im Inneren des betreffenden Menschen. Dieses Symptom wird nach bestem Wissen und Gewissen zuverlässig von einem inneren unbewussten Teil produziert. Auch gegen Widerstände. Und dieser Teil tut dies nicht, weil er dumm oder böse ist, sondern weil er mit dem symptomatischen Verhalten der betreffenden süchtigen Person etwas ermöglicht oder vor etwas schützt, was diese auf andere Art nicht sicherstellen kann. Er stellt eben sicher, dass das dahinterliegende Wichtige und Wertvolle funktioniert.

Ein Wegtherapeuteln des Symptoms bewirkt, wenn es überhaupt gelingt, die Entwicklung eines neuen Symptoms, das selten weniger dysfunktional ist, als das alte.

6. Beispiele für Suchtverhalten:

  • Alkohol, Koffein, Zigaretten, andere stoffliche Drogen
  • Kaufsucht
  • Arbeitssucht (Workaholic)
  • Spielsucht (Computerspiele, Automatenspiele, Spielcasinos)
  • Magersucht
  • die Sucht, ohne Hunger und ohne Genuss zu Essen
  • Schlafmittel, Psychopharmaka
  • …..

7. Der Weg aus der Sucht

… ohne Produktion neuer dysfunktionaler Symptome funktioniert nachhaltig nur dann, wenn man im Rahmen einer professionellen psychomentalen Begleitung die sinnvolle Funktion des Suchtverhaltens erkennt und durch eine spezielle Form der Kooperation mit dem verantwortlichen Teil mit diesem neue, funktionale Verhaltensweisen erarbeitet, die auf eine individuell verträgliche Art diese sinnvolle Funktion sicherstellten.

Also nicht auf Basis von Verboten oder Geboten, sondern auf Basis kreativen unbewussten Lernens besserer Möglichkeiten, welcher der bisher für die Sucht verantwortliche innere Teil dann mit gleicher Konsequenz, Zuverlässigkeit und Selbstverständlichkeit sicherstellt.

In der Regel wird dies im Rahmen einer speziellen Form von Hypnose erreicht. Dabei sind noch einige wichtige Rahmenbedingungen zu berücksichtigen … diese hier zu beschreiben würde aber den Rahmen des Artikels sprengen. Sinnvoll ist es daher, dass der begleitende psychologische Berater methodisch diese Art der Hypnose sowie die im Vorfeld nötigen diagnostischen Tools beherrscht.

Bei stofflichen Süchten mit einem körperlich abhängig machenden Suchtmittel ist der Weg zum Freisein durch einen auf Sucht spezialisierten Arzt unterstützend zu begleiten … im Bedarfsfall auch stationär. Dies ist wichtig, um den körperlichen Entzug auf geordnete und verträgliche Weise durchzuführen. Auch während, vor und nach einem körperlichen Entzug ist die Begleitung durch einen psychologischen Berater für den nachhaltigen Erfolg unabdingbar. Anderenfalls bewirkt der Entzug nur das Fitmachen zum weiter süchtig sein.

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