Selber schuld?

Frage von UO:

Lieber Gerhard, wie heute schon angekündigt:
Hast du eine Idee mit welchen Methoden sich Schuldgefühle gut bearbeiten lassen.
Vielen Dank für deine Unterstützung.
Liebe Grüße – UO

 

Meine Antwort:

Liebe UO,

deine Frage stellt mich vor eine kleine Herausforderung. Denn einerseits hab ich natürlich zielführende Ideen, wenn es dabei um einen konkreten Menschen in einer konkreten Situation mit einem konkreten Ziel geht. Andererseits ist es schwierig, deine Frage so ganz unkonkret allgemein zu beantworten. Und zwar deshalb, weil ich es als die hohe Kunst der psychologischen Begleitung ansehe, nicht methodenverliebt zu sein, sondern die im jeweiligen Augenblick für genau den Menschen, um den es geht und für genau das Thema, das ihn bewegt, die passende Methode zu entwickeln. Jene, durch die so schonend und so effizient wie möglich eine sinnvolle und nachhaltig wirkende Lösung erreicht wird. Und das geht ohne eine fundierte Diagnostik nicht.

Deshalb möchte ich deine Frage ein bisschen anders beleuchten:

Zuerst einmal ist wichtig, ob das Schuldgefühl überhaupt bearbeitet werden soll. Psychosozial gesunde Menschen sind fähig, Schuldgefühle zu entwickeln. Menschen, die keine Norm von gut und böse, richtig oder falsch anerkennen, sind meines Erachtens psychosozial geschädigte Mentalautisten.

Schuldgefühle hängen meist sehr eng mit inneren, manchmal auch äußeren Bewertungen und Maßstäben zusammen, von denen abweichend sich jemand verhalten hat. Werden sie von außen induziert, adoptiert man sozusagen ein Gefühl, das gar nicht zu einem selbst gehört. In diesem Fall besteht die Gefahr der Manipulation, weil derart induzierte Schuldgefühle gerne als Druckmittel missbraucht werden.

Wenn ein Schuldgefühl jedoch daraus resultiert, dass es einer klaren Fehlreaktion, einer Pflichtverletzung oder einer moralisch verwerflichen Tat folgt, so ist es letztlich eine sehr gesunde Reaktion. Es ist ein Warnsignal, das an die eigenen Werte Überzeugungen und Einstellungen erinnert. Hier Gewissensbisse zu haben ist sicher nicht angenehm, aber beim Vorliegen einer tatsächlichen Schuld dennoch wertvoll. Das Schuldgefühl tragt dann dazu bei, unsere sozialen Beziehungen zu ordnen, wo nötig um Vergebung zu bitten. Es kann davor schützen, ähnliche Fehler zu wiederholen, kann der Auslöser dafür sein, an ungewollten Verhaltensmustern zu arbeiten und zu lernen, stimmiger zu leben.

Schuld und Schuldgefühl hängen aber nicht immer in gesunder Weise zusammen. So gibt es beispielsweise Menschen, die zwar Schuld auf sich laden, sich aber schöne Rechtfertigungsgebäude zimmern, um ihre Eigenverantwortung abzuschieben und Schuldgefühle erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Andererseits gibt es Menschen, die sich nach einer Situation mit belastendem Ausgang mit Selbstvorwürfen martern, obwohl sie sich völlig adäquat und verantwortungsvoll verhalten haben.  Übersteigert führen sie manchmal sogar zu einem depressiven Lebensgefühl, zu Wut, Angst oder Panik, resultierend in einer  – auch für das Umfeld – chronisch einschränkenden Lebensqualität.

In diesen beiden Fällen sehe ich ein Bearbeiten als sinnvoll an.
Ausgehend von deiner Frage fokussiere ich mich auf letzteren.

Die Wahl der Methode wird dabei maßgeblich von der Tiefenstruktur bestimmt, wie es der betroffene Mensch schafft, sich erfolgreich Schuldgefühle zu basteln, ohne ein Fundament dafür zu haben. Die Basis zum erfolgreichen Entstehenlassen ungerechtfertigten Schuldgefühle ist oft folgendes:

1. eingeschränkte Selbstachtung, in deren Folge Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle
2. unrealistische Maßstäbe gepaart mit perfektionistischen Selbstansprüchen
3. Übersensibilität in Bezug auf die Probleme und das Leiden anderer Menschen
4. Übernahme von Verantwortung für Dinge außerhalb des eigenen Einflusses
5. Unfähigkeit sich selbst und anderen zu vergeben
6. Übernahme der Wertvorstellung anderer, die einen verurteilen
7. körperlicher, sexueller oder psychischer Missbrauch,  „Tausch“ der Ohnmachtsgefühle gegen Schuldgefühle
8. diffuse anlasslose Schuldgefühle durch anhaltende unbegründete Schuldzuschreibungen in der Kindheit
9. selektive Interpretation von Ereignissen, die wichtige Elemente tilgt oder verzerrt

Gründe, weshalb Menschen eine derartige Basis in sich tragen, sind

1. oft der Schrei nach verwehrter oder nicht wahrgenommener Anerkennung und Liebe
2. Langzeittraumatas und infolgedessen als eines der möglichen Symptome die Entwicklung eines Helfersyndroms, dessen Ansprüche nie erfüllt werden können
3. mikrokulturelle Prägungen, die verzerrte Maßstäbe transportiert haben und dementsprechend daraus abgeleitete Glaubenssätze, die letztlich zerstörerisch sind
4. intraculpantes Metaprogramm, dadurch Übernahme von Verantwortung für Dinge außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeiten
5. akutes Trauma. beispielsweise nach Verkehrsunfällen mit Personenschaden oder infolge von belastenden Einsätzen von Feuerwehr- oder Rettungsmitarbeitern

Genau an dieser jeweils zugrunde liegenden Basis muss eine Methode situativ anknüpfen. Da steht, je nach Ausbildung des psychologischen Begleiters und je nach dahinterliegender Tiefenstruktur, eine breite Vielfalt zur Verfügung … von der Schaffung von Wahlmöglichkeiten in den relevanten Metaprogrammen über EMDR, Hypnose, Aufstellungsarbeit, Arbeiten mit der Timeline, mit Sleight of Mouth-Patterns, an unadäquaten Glaubenssätzen oder mit Wahrnehmungspositionen.

Werden Schuldgefühle durch einen konkretes Ereignis mit dem Potenzial zur Traumatisierung ausgelöst, werden sie oft durch die uns innewohnenden Selbstheilungskräfte ohne professionelle Begleitung innerhalb der darauffolgenden ein bis drei Tage gelöst. Um diesen Selbstheilungsprozess zu unterstützen, sind folgende Überlegungen manchmal hilfreich:

1. Was genau war es denn konkret, was ich getan oder unterlassen habe, weswegen ich mich jetzt schuldig fühle?
2. Welche meiner Ansprüche an mich selbst habe ich dadurch verletzt?
3. Wo war ich nicht in Einklang mit dem, was mir für mich selbst wichtig ist?
4. Welche dieser Ansprüche an mich sind unrealistisch?
3. Was genau hätte ich anders tun können? Was hätte sich dadurch geändert?
4. Inwieweit lag das unerwünschte Ergebnis meines Tuns überhaupt unter meinem Einfluss?
5. Wenn es sich tatsächlich um ein Versagen meinerseits handelt, inwieweit kann ich Betroffene dafür um Vergebung bitten?
6. Inwieweit kann ich Wiedergutmachung leisten oder die negativen Konsequenzen mildern?
7. Wie sehr kann ich mir selbst vergeben?

 

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2 Gedanken zu “Selber schuld?

  1. Manchmal höre ich mir Sendungen im Radio an oder lese Artikel in Zeitschriften, bei denen Menschen Fragen an Psychologen stellen, die diese dann, sicher gut gemeint beantworten ohne diese aber zu kennen. Ich denke mir dann immer eigentlich gehört das verboten. Was weiß dieser Psychologe nach nur ein paar Fragen von diesem Menschen?

    Bei diesem Artikel hier finde ich wurde viel erklärt und beantwortet ohne gleich therapieren zu wollen.

    1. Danke liebe AJ für dein Feedback 😀.

      Ich finde es einfach wichtig, auf diesem Blog verantwortungsvoll und respektvoll Themen zu behandeln, die Menschen in ihrem Inneren bewegen … in der Qualität und Sorgsamkeit, die diese Themen und die meine LeserInnen verdienen.

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